Hübsch ist sie schon, so eine Malve, wie sie so als rosafarbener Tupfer am Wegrand steht. Dass sie aber gleich zwei gestandene Wissenschaftler in die Knie zwingt, hätte ihr wohl keiner auf den ersten Blick zugetraut. Und doch tut sie es. Kaum taucht sie auf, knien Gerhard Hübner (Biologe) und Alexander Ulmer (Geoökologe) neben ihr und beginnen, sie zu untersuchen.

Nicht dass sie sonderlich selten wäre, die Malve. Aber sie hat etwas an sich, das die beiden Herren interessiert. "Ah, da ist ja eine!", ruft denn auch nach kurzer Untersuchung Gerhard Hübner. Er hat eine unscheinbare kleine Raupe gefunden, aus der einmal ein Malvendickkopffalter werden soll.

Bei einer Kartierung für das Naturschutzgroßprojekt "Das Grüne Band" ist Hübner der kleine, braune und nachtaktive Falter erstmals aufgefallen. Damals kam er erst an einigen einzelnen Stellen vor. Ein Jahr später tauchte er an weiteren Stellen auf. Im Zuge der momentan laufenden Tagfalterkartierung stellten die Naturschützer plötzlich fest, dass der Malvendickkopffalter im ganzen Landkreis unterwegs ist.

Blühmischungen sei Dank

"Das verdanken wir den Blühmischungen, die zurzeit an vielen Stellen ausgebracht werden", erklärt Alexander Ulmer, der Geschäftsführer beim Landesbund für Vogelschutz in Coburg ist. Diese Mischungen, die für Blühstreifen an Waldrändern oder am Rand von Äckern ausgebracht werden, um Bienen und Wildtieren zu helfen, enthalten fast immer Malven. Viele Malven, viele dazu passende Dickkopffalter. So funktioniert Natur. Wird wieder auf Blühstreifen verzichtet, tut der Falter wieder, was so viele Schmetterlinge seit Jahren tun. Er verschwindet.

So viel Aufhebens um eine Malve. Dabei wollten die beiden Wissenschaftler erklären, warum der kleine Hügel bei Sülzfeld, an dessen Fuß die Malve blüht, etwas ganz Besonderes ist. Für Landwirte ist diese Gipskeuperkuppe, um die es geht, in der Tat besonders. Sie ist besonders wertlos. "Hier ist nichts runterzuholen", bestätigt Alexander Ulmer. Der Standort ist so mager, erklärt er, dass er nicht einmal verbuscht. "Dieser Lebensraum ist so extrem, dass er sich kaum verändert", sagt Ulmer. Schon ist er wieder auf den Knien. "Das ist ein Wiesenritterling", sagt er und zeigt einen kleinen Pilz. Ritterlinge leben normalerweise in Symbiose mit Bäumen, führt er aus. Allerdings wächst auf der Gipskeuperkuppe noch nicht mal ein Busch, von Bäumen ganz zu schweigen. Eben. "In diesem Moment weiß ich schon, dass wir hier etwas ganz Seltenes haben", sagt er grinsend. Eine Probe wird eingepackt und später ganz genau bestimmt.

Eine Rote-Liste-Art neben der anderen

"Wir haben hier eine maximale Konzentration von Esparsettenwidderchen", verweist Gerhard Hübner auf eine weitere Besonderheit der Kuppe, die ihm bei Kartierungen aufgefallen ist. Das genannte Widderchen ist sonst eher eine Seltenheit und kommt nur an wenigen Stellen im Landkreis vor.

Alexander Ulmer findet beim Gang über den Magerstandort österreichischen Lein, Ackerwachtelweizen und Karthäusernelken. Die Gipskeuperkuppe scheint eine Art Arche mitten in der Kulturlandschaft zu sein. Ulmer: "Hier gibt sich eine Rote-Liste-Art mit der nächsten." Besonders freut ihn der Anblick einiger Saftlinge. Das sind auch wieder Pilze. "Solche Arten wachsen nur auf Standorten, die noch nie eins mit der chemischen Keule bekommen haben", sagt er. Agrarchemie oder auch nur Gülle, würde den Platz auf Jahrzehnte für diese Arten unbewohnbar machen.

Üppiges Grün ist nicht die Sache von Gipskeuperkuppen. "Der Standort glänzt durch Vielfalt, statt durch Üppigkeit", bestätigt Ulmer. Und als wolle er es unterstreichen, taucht Gerhard Hübner mit einem Heidegrashüpfer in der Hand auf. "Das ist schon wieder eine Rote-Liste-Art", sagt er und lässt ihn wieder auf den Gibskeuper hüpfen.