Die Zahlen zwingen zum Handeln: Immer mehr Kinder zeigen bei den Schuleingangsuntersuchungen verhaltens-, sprach- oder motorische Auffälligkeiten. Auch Gewichtsprobleme fallen auf. Tendenz steigend. Ursula Annemüller vom Gesundheitsamt Coburg weist seit Jahren auf diesen Umstand hin. Immerhin handelt es sich um 40 bis 45 Prozent der Sechsjährigen, von denen 10 bis 15 Prozent bisher noch keinerlei Therapie bekommen haben.

Diese Zahlen bestätigen auch die bundesweiten Ergebnisse aus der KIGGS-Studie (Kinder- und Jugendgesundheitssurvey) des Robert-Koch-Instituts. In Coburg hat man jetzt ein spezielles Screening-Verfahren entwickelt, mit dem die Kinder mit "besonderen Bedürfnissen" schon im Alter zwischen vier und viereinhalb Jahren erkannt werden können.

Spielerisch testen

Mit Hilfe einer kleinen Geschichte, in der die Kinder mit dem Hasen Hoppel auf eine Reise gehen und in verschiedene Spielhandlungen eingebunden sind, werden die jeweiligen Entwicklungsbereiche in einem Beobachtungsbogen beurteilt. Bettina Kreisler vom mobilen sonderpädagogischen Dienst hat das Konzept dafür erarbeitet. "Die Kinder sind immer zu zweit, weil wir auch soziale Kompetenzen überprüfen", erläutert die Sonderschullehrerin. Ein Test dauert etwa 45 Minuten. Aber das sei für die Kinder kein Problem, da sie spielerisch in die Geschichte eingebunden sind. Es macht ihnen Spaß, mit dem Hasen zu zaubern, zu balancieren, sich zu unterhalten. Wichtig bei der Konzeption waren einige Qualitätskriterien: So soll das Screening nicht zu zeitaufwendig sein. Zu der etwa einstündigen Durchführung kommen noch zwei bis drei Stunden für die Auswertung, Stellungnahme und das Beratungsgespräch. Erfasst werden die Bereiche Grob- und Feinmotorik, Wahrnehmung, Sprache, Entwicklungsbereiche des Denkens sowie das sozial-emotionale Verhalten.

Flächendeckend, aber freiwillig

"Ziel des Verfahrens ist es, Entwicklungsauffälligkeiten bei Kindern frühzeitig professionell festzustellen, um zielgerichtet frühe Hilfen einleiten zu können", sagt Jugendamtsleiter Rolf Grube. Früherkennung diene ganz wesentlich der Zusammenarbeit zwischen Kindertagesstätten, Eltern, Fachdiensten und Ärzten. Wie Grube erläutert, solle das Screening flächendeckend in allen Coburger Kindertagesstätten eingeführt werden. Auf freiwilliger Basis versteht sich. Testleiter sollen die pädagogischen Fachkräfte der Kindertagesstätten sein. Um dies zu gewährleisten, müssen diese geschult werden.

In der Hand der Eltern

Durch die Qualifizierung sollen die Erzieherinnen einen professionelleren Blick und eine professionellere Sprache im Umgang mit den Eltern bekommen. Dies erweitere ihre Handlungskompetenz und erhöhe damit die Fördermöglichkeiten für die Kinder. Denn letztendlich liegt es immer in der Hand der Eltern, wie, ob und wann einem Kind geholfen wird. Eltern auf Probleme ihres Kindes anzusprechen, bedarf eines einfühlsamen und behutsamen Vorgehens. Das Wohl des Kindes steht immer im Vordergrund, betonen alle Verantwortlichen. Ziel eines solchen Gesprächs ist es festzustellen, ob ein Fachdienst zur genaueren diagnostischen Abklärung oder eine kinderärztliche Untersuchung eingeschaltet werden soll. Diese Entscheidung kann aber nur von den Eltern getroffen werden. "Auffällige Testergebnisse müssen dazu führen, dem Kind eine spezifische Förderung zuteil werden zu lassen, damit es die festgestellten Defizite bis zum Übertritt in die Schule möglichst kompensieren kann", betont Florian von Deimling, der Leiter des Sozialpädiatrischen Zentrums Coburg.

Intensive Arbeit

"Eine intensive Aufklärungs-, Beratungs- und Fortbildungsarbeit für Eltern und die im Kindergarten betreuenden Erzieherinnen ist erforderlich, um Eltern und Erzieherinnen für die Defizite der Kinder zu sensibilisieren und die Bereitschaft für Förder-, Therapie- und Erziehungsmaßnahmen zu erreichen", macht von Deimling deutlich.

Kinderärzte entscheidend

Den betreuenden Kinderärzten falle dann die zentrale Aufgabe für die weiteren Maßnahmen zu. Durch Eltern versäumte Früherkennungsuntersuchungen und Impfungen seien nachzuholen. Je nach ärztlicher Einschätzung sollen dann therapeutische oder weitere diagnostische Schritte veranlasst werden.