"Der traut sich ja was", war das erste, was Richter Christoph Gillot in Richtung Anklagebank sagte. Dort saß aber nur der Verteidiger Albrecht Freiherr von Imhof. Der 20-jährige Angeklagte war zunächst nicht aufzufinden. Erst über eine Stunde später betrat der Angeklagte den Gerichtssaal.

Das Erstaunen des Richters war nicht unbegründet. Schließlich wird dem jungen Mann aus Neustadt schwerer sexueller Missbrauch von Kindern in zwei Fällen vorgeworfen.

Widersprüchliche Erklärungen

Dem zum Tatzeitpunkt 20 Jahre alten Heranwachsenden wird konkret vorgeworfen, 2018 eine Beziehung zu einer 13-Jährigen unterhalten zu haben. Dabei soll es zweimal zu ungeschütztem Geschlechtsverkehr gekommen sein, da der junge Mann Verhütung ablehnte. In Folge dessen soll das Mädchen schwanger geworden sein und das Kind verloren haben. Wie weit die Schwangerschaft fortgeschritten war, ist unklar.

Doch das sind nicht die einzigen Vorwürfe, für die sich der Angeklagte vor dem Landgericht verantworten muss. Bestehende Verfahren wurden diesem angegliedert. Außerdem soll er diverse kleinere Diebstähle und einen Einbruch in Neustadt begangen haben sowie eine räuberische Erpressung.

Der Heranwachsende wollte sich nicht zu allen Vorwürfen äußern. Manche der Taten gab er unumwunden zu und räumte seine Bereitschaft auf Schadensersatzzahlungen ein. Anderes, wie den Diebstahl eines Fahrrads, stritt er ab. "Ich weiß, dass es gestohlen wurde, aber definitiv nicht von mir." In diesem Fall sei er Opfer einer Verschwörung.

Dem Richter erschienen die Erklärungen dafür, warum der Angeklagte den Besitz des Rads vor der Polizei zunächst leugnete, diese es dann aber doch - umlackiert - bei ihm gefunden habe, nicht schlüssig. Er sagte aus, seinen Freund, von dem er das Rad geschenkt bekommen habe, damals habe schützen wollen.

Er wollte das Rad, so der Angeklagte, an seinen Bruder weiterverschenken, weswegen er es neu lackiert habe. In einer polizeilichen Vernehmung hatte der Angeklagte noch ausgesagt, das Rad gekauft zu haben.

Mutter bringt Sohn zur Anzeige

Das hatte er auch vor seiner Mutter behauptet, damit es nicht erneut zum Streit komme. Denn das Verhältnis zur Mutter ist wenigstens ein schwieriges, wie der erste Prozesstag andeutungsweise zeigte.

Die Mutter sei gegen die Beziehung des Angeklagten mit dem Mädchen gewesen. Nachdem dieses einmal bei ihrem Sohn übernachtet hatte, untersuchte die Mutter das Bett nach Spermaspuren. Wie ein Polizeibeamter vor Gericht aussagte, hatte die Mutter den Fahrraddiebstahl ihres Sohnes angezeigt. In der Vernehmung hatte sie dann auch die Beziehung zu dem Mädchen erwähnt.

Der Angeklagte wollte sich vor Gericht nicht zu der Beziehung äußern. Zum Fall eines Einbruchs in ein Vereinsheim wolle er sich erst äußern, wenn sein Freund und mutmaßlicher Komplize an einem der beiden folgenden Verhandlungstage aussagen wird.

Der Einbruch wurde von Videokameras gefilmt. Anhand dieser Bilder sowie solcher der Überwachungskamera einer nahe gelegenen Tankstelle, wo die beiden vor dem Einbruch eingekauft hatten, konnte die Polizei den Angeklagten und seinen Komplizen kurze Zeit später überführen. Die Jacke, die der 20-Jährige im Gericht dabei hatte, sei die gleiche wie auf den Überwachsungsvideos, sagte der Polizeibeamte.

Er könne sich nicht mehr erinnern

Verteidiger Freiherr von Imhoff arbeitete die mindere Qualität des Videos vom Vereinsheim heraus. Die Farbe der Jacke konnte der Polizeibeamte darauf nicht bestimmen - die hatte er von den Bildern des problemlosen Einkaufs in der Tankstelle. Allerdings führte der Polizeibeamte an, dass der Angeklagte auf den Ausschnitten nicht den Eindruck einer starken Alkoholisierung mache. Der junge Mann hatte in der Vernehmung angegeben, sich nicht mehr an den Einbruch erinnern zu können.

Klarheit wird es in den Fällen erst geben, wenn weitere Zeugen gehört werden. Außerdem wird der Neustädter am kommenden Montag Aussagen zu seiner Person machen. Dabei wird er von einem Sachverständigen unterstützt, um die Lebensverhältnisse deutlich zu machen.

Am Ende der Verhandlung gab Richter Gillot dem Angeklagten noch einen Rat mit auf den Weg. Es gebe zwei Möglichkeiten, diesen Prozess zu führen. Er könne zu allen Fällen Zeugen vorladen und zahlreiche Gutachten erstellen lassen. Oder aber der junge Mann lege ein Geständnis ab - sofern er verantwortlich sei -, was sich auch auf die Frage auswirken kann, ob er noch nach Jugend- oder nach Erwachsenenstrafrecht behandelt werde.

Reiferückstände seien möglich, wenn diese aber nicht nachholbar seien, müsste Erwachsenenstrafrecht angewendet werden. Darauf stünde eine Mindeststrafe von zwei Jahren.

Der Prozess wird am kommenden Montag und am Montag, 21. Oktober, fortgesetzt.