Oben in den hintersten Reihen im Block B flogen die Fäuste. Ein Dutzend aggressiver, überwiegend unbelehrbarer und angetrunkener Gästefans lieferten sich mit Polizisten und Security-Männern erst lautstarke Wortgefechte und dann einen kurzen, aber umso heftigeren Schlagabtausch.
Einen solchen gab es rund 30 Meter weiter unten auch. Auf der Platte wurde mächtig ausgeteilt. Doch im Gegensatz zum Polizeieinsatz endete das schwache Handballspiel ohne Sieger. Völlig zu Recht, denn einen Gewinner hatte dieses schlechte Zweitligaduell zwischen dem HSC 2000 Coburg und dem Dessau-Rosslauer HV 06 auch nicht verdient.


Riehn behielt die Nerven

Zumindest behielt einer die Nerven. Till Riehn verwandelte zehn Sekunden vor dem Ende auch seinen fünften Siebenmeter sicher und sicherte damit den zum dritten Mal in Folge sieglos gebliebenen Vestestädtern wenigstens noch einen Punkt.
Der Kapitän zeigte in diesem wichtigen Moment Ruhe und Gelassenheit. Eigenschaften, die Trainer Jan Gorr unter der Woche in heiklen Situationen auch von Steffen Ramer vermisst hatte. Der HSC-Geschäftsführer machte nach der Pleite von Dresden nämlich seinen Trainer für das Versagen der Mannschaft in Sachsen mitverantwortlich. Anscheinend kam der gorrsche Konter bei Ramer an, denn der berücksichtigte den Ratschlag prompt. Die erneut enttäuschende Vorstellung der Mannschaft kommentierte der Mann für Marketing und Vertrieb beim HSC, jedenfalls bisher ohne jede Kritik am Coach.


Gorr rastet nach fünf Minuten aus

Ruhe und Gelassenheit hätte aber auch dem Coburger Trainer in der verkorksten Anfangsphase gut getan. Bereits nach fünf Minuten rastete Gorr an der Seitenlinie völlig aus. Er warf sein Trainerbändchen mit dem großen B wütend auf den Boden und schrie wild gestikulierend den Unparteiischen an. Mag durchaus sein, dass der Coburger Übungsleiter bei der Beurteilung umstrittener Szenen im Recht war, sein Verhalten war zu diesem Zeitpunkt aber unangemessen und übertrieben.


Kampf und Krampf

Vielleicht spürte der Handball-Experte ja bereits nach wenigen Aktionen, dass seine Spieler wieder nicht das umsetzen würden, was er ihnen in mühsamen Trainingseinheiten, akribischen Ansprachen und langwierigen Videoanalysen unter der Woche mit auf den Weg in dieses richtungsweisende Heimspiel gegeben hatte. Auf der Platte herrschte nämlich Kampf und Krampf.
Fehlwürfe und technische Fehler bestimmten die Szenerie. Kaum ein HSC-Spieler erreichte im ersten Durchgang Normalform, die Außenpositionen fanden nicht statt, der Kreisläufer führte ein erbärmliches Schattendasein. In der Abwehr gab es Missverständnisse und Schuldzuweisungen. Die Dessauer - immerhin mit fünf Spielen ohne Niederlage im Rücken - brachten Härte ins Spiel und kamen ihrem Matchplan so näher. Sie verwickelten die HSC-Individualisten immer wieder in erbarmungslose Eins-gegen-eins-Duelle und teilten gegen Varvne, Lex oder "Kiwi" kräftig aus.


Spielerisch keine Lösungen

Die "Schwarz-Gelben" hatten - wie schon zuvor gegen TUSEM Essen und beim HC Ebflorenz - spielerisch keine Lösungen im Köcher. Die "Giftpfeile" des Gegners in Form von Tempogegenstößen trafen dagegen ins "Schwarze". Nach dem 6:4 hieß es zur Pause sogar 13:10 für den Außenseiter, auch weil Coburgs neuer Hoffnungsträger, Neuzugang Neloski, in den letzten Minuten zu viele Bälle wegwarf.
Der mazedonische Nationalspieler wirkt auch fünf Wochen nach seiner Verpflichtung noch immer wie ein Fremdkörper im Angriffsspiel des HSC. Aber nicht nur dem Rückraum-Kanonier fehlt die Bindung. Das Team funktioniert in dieser schwierigen Saisonphase im Kollektiv nicht wie erhofft. Durchdachte Spielzüge - selbst in Überzahl - haben derzeit absoluten Seltenheitswert. Das Angriffsspiel lebt von Einzelaktionen, vom individuellen Durchsetzungsvermögen.
Vor allem der immer wieder die Initiative ergreifende Varvne und der sich trotz mehrerer misslungener Aktionen nie entmutigen lassende Lex sorgten Mitte des zweiten Durchgangs mit ihrer Willenskraft trotzdem für die erhoffte Wende. Da auch Torhüter Krechel jetzt ganz starke zehn Minuten erwischte - ohne jedoch an die herausragende Leistung seines Gegenübers heranzukommen - glaubte die Mehrheit der 1967 Zuschauer bei der ersten und letzten Zwei-Tore-Führung (22:20) endlich an ein Happyend in der Arena. Der plötzliche Rückstand ihres Teams war sicher auch ein Grund dafür, dass die Dessauer Fans nun auf den Rängen außer Rand und Band gerieten und einige von ihnen im Würgegriff abgeführt wurden. Die Polizisten packten zu, handelten der Lage entsprechend angemessen.


Im Polizeigriff abgeführt

Leider zog der HSC sein Ding nicht genauso konsequent durch. Der Gegner schlug nämlich auch auf dem Feld - mit erlaubten Mitteln - zurück. Bis zehn Sekunden vor dem Ende sahen die Dessauer sogar wie die Sieger aus, doch dann kam ja noch der coole Riehn...