Er sollte einmal auf Schmerzensgeld verklagt werden. Ingo Thorn erinnert sich noch gut an einen kuriosen Vorfall, der nicht nur einem Außenstehenden reichlich seltsam vorkommen muss. Und das alles nur, weil er seines Amtes waltete. Der 41-jährige Coburger ist Referee. Im Schachsport. Seit ein paar Jahren schiedsrichtert Thorn bei den oberfränkischen Schachmeisterschaften in der Frankenakademie in Schloss Schney. Seit Donnerstag gehen die Schachmeisterschaften in Schney vonstatten, seit Donnerstag ist Thorn mit von der Partie. Aber was genau ist seine Aufgabe?

Eigentlich ist Thorn als Betriebsprüfer für das Finanzamt tätig. Als solcher, so sagt er, sei er es gewohnt, Entscheidungen zu treffen. Und manchmal muss er das auch im Schachsport. Das klingt merkwürdig, weil die Schachregeln jedem Vereins- und Verbandsspieler zutiefst vertraut sind. Aber es geht beim Schiedsrichten im Schach auch kaum um die Spielregeln, es geht vielmehr um die Einhaltung der Turnierordnung.
Thorns Devise: "Wenn du Sanktionen androhst, musst du sie auch umsetzen - sonst bist du nicht glaubwürdig." Einmal entschied sich Thorn gegen die Sicht eines Oberligaspielers. Der wiederum, so Thorn, gab an, nun nicht mehr schlafen zu können und wollte Schmerzensgeld - erfolglos.

Dürfen sich ausländische Spieler in ihren Sprachen im Turniersaal unterhalten? Was, wenn ein Spieler zu spät zur anberaumten Partie erscheint? Wie wichtig ist eine saubere Handschrift im Schachsport? Und was, wenn ein Handy während der Partie klingelt? Der Weltschachbund Fide hat auf solche Fragen erstaunlich wenige Antworten. Er überlässt sie oftmals den nationalen Verbänden, den Landesverbänden oder den Ausrichtern von Turnieren.


Kein Hardliner, eher schizophren

Es mag nun drei Jahre her sein, da ereilte einen Teilnehmer der "Oberfränkischen" auf dem Weg zu seinem ersten Zug das Schicksal: sein Handy klingelte. Thorn "nullte" den Mann, wertete seine Partie noch vor dem ersten Zug als verloren. Das konnte er, weil die Turnierordnung störendes Handyklingeln untersagte. Thorn greift durch, als Hardliner würde er sich aber nicht bezeichnen. Eher als "schizophren". So ist man nämlich als Schiedsrichter, glaubt er.

Als Mensch Ingo Thorn könne er verstehen, wenn eine solche Entscheidung einen Unglücklichen schmerzt. Als Schiedsrichter aber muss er primär darauf achten, dass andere Spieler während ihrer Partien nicht abgelenkt werden. Handys sind grundsätzlich auszuschalten. Erst recht in Zeiten, in denen mit ihnen Zugang zum Internet gefunden werden kann. Dort ließen sich Schachprogramme anzapfen. Darum wird es wohl bald auch im Profi-Schach Leibesvisitationen geben, mutmaßt der Coburger, der selbst schon in der 2. Liga Referee war.


Erziehung zur Pünktlichkeit

Unterhaltungen in fremden Zungen sind auch nicht zu führen. Spieler könnten sich beratschlagen oder Varianten austauschen, sich Tipps geben. Er wird Spieler verwarnen, bei Wiederholung aber verweisen. "Karenzzeit 15 Minuten" steht auf einem Hinweisschild im Foyer des Spielsaals. 15 Minuten darf man sich zur Partie verspäten, 15 Minuten, die das Bedenkzeitpolster schmälern. Aber obwohl man sich ins eigene Fleisch schneidet, wenn man noch später käme, duldet die Turnierordnung in Schney keine weitere Minute Verzögerung. Wer 16 Minuten zu spät kommt, hat die Partie schlichtweg verloren. Das erzieht zur Pünktlichkeit.

Aber auch ein anderer Punkt ist von Bedeutung. Spieler müssen ihre Partien mitnotieren. Das ist Pflicht. Für den Fall, dass es in Zeitnot oder aus sonstigen Gründen zu Unstimmigkeiten kommt, muss jederzeit nachvollziehbar bleiben, wie die Figuren gezogen worden sind. Darum eine saubere Notation auf Durchschlagpapier für das Turnierbulletin und überhaupt.

Einmal, in der 2. Bundesliga habe sich, so Thorn, ein Spieler geweigert sein Partieformular noch einmal in sauberer Schrift auszufüllen. Er musste. Auch die englische Nomenklatur hat Thorn drauf. Wer sein Formular mit den englischen Kürzeln ausfüllt, dem sei das gestattet. Einer der insgesamt 43 Männer im Erwachsenenturnier in Schney bedient sich dieser Schreibweise.

In Wochenendlehrgängen hat sich der 41-Jährige, der auch Vorsitzender des Bezirks Oberfranken ist, zum Turnierleiter und Schachschiedsrichter ausbilden lassen. Bis hin zum nationalen Schiedsrichter. Die Fide-Regeln hat er pauken müssen, die Bundesturnierordnung auch. Er musste auch lernen, Spielberichte zu verfassen und sich mit Fragen aus der Praxis auseinanderzusetzen. Als ihm die Prüfung vom Verband abgenommen wurde, habe er sie mit 89 Prozent richtig beantworteter Fragen bestanden. Das war knapp - das Muss liegt bei 85 Prozent.


Kortschnoi beeindruckte ihn

Thorn hat viele Stars der Profi-Szene kennen gelernt. Einer davon ist der legendäre zweimalige Vize-Weltmeister Viktor Kortschnoi, der ihn sehr beeindruckte. Obwohl er auch die hochklassigen Ligen kennt, mag es der Coburger doch gerne, alljährlich in die Schney zu kommen.

Drei Tage Urlaub opfert er dafür. Am Mittwoch reiste er an und half den zwei weiteren Turnierleitern dabei, die Bretter aufzustellen, die Paarungen auszulosen, gespielte Partien auf die Internetseite zu stellen, anderweitige Vorbereitungen zu kehren oder Essensmarken auszuteilen. Heute und morgen wird in Schney noch um den Bezirkstitel gespielt. Thorn mag das Flair in Schney. Er will auch 2014 wieder dabei sein.