Wenn Gabriele Kolb, Sekretärin im Untersiemauer Rathaus, laut "Rolf!" ruft, springt nicht nur der neue Bürgermeister, sondern auch der geschäftsführende Beamte der Gemeinde, Rolf Reisenweber. Die beiden haben nicht nur den Vornamen gemeinsam, sondern auch noch ihre Amtszimmer direkt nebeneinander. Um Verwechslungen vorzubeugen, rufe ihn die Sekretärin deshalb jetzt mit "Herr Bürgermeister!", erzählt Rolf Rosenbauer lachend - nicht das einzige, woran er sich in den vergangenen 100 Tagen auf dem Chefsessel im Untersiemauer Rathaus erst gewöhnen musste.

Ganz schön hektisch seien die ersten Wochen für ihn als neuer Bürgermeister gewesen. "Die Amtsgeschäfte hatten mich von Anfang an im Griff", erzählt er im Gespräch mit dem Tageblatt. "Aber das ist auch ganz gut so, ich brauche immer ein bisschen Druck." Langweilig sei ihm jedenfalls keine Sekunde gewesen.


Nur ein paar Akten aussortiert

Zeit, den neuen Arbeitsplatz im Rathaus nach seinem Geschmack umzudekorieren, habe er nicht gehabt. Macht aber nichts. "Ich fühle mich dort sehr wohl", versichert Rosenbauer. Geändert habe er deshalb nicht viel, nur ein paar Unterlagen aussortiert, ausgeräumt und ins Archiv gegeben. Einen neuen Bildschirm hat er bekommen, denn der alte segnete das Zeitliche, kaum dass der neue Bürgermeister das erste Mal an seinem Schreibtisch saß. "Der große Bildschirm wirkt jetzt allerdings wie eine Barriere, wenn ich Besucher am Schreibtisch gegenüber sitzen habe", findet er. "Deswegen gehen wir dann lieber ins Besprechungszimmer."

Worauf Rosenbauer definitiv nicht verzichten kann, ist sein Terminkalender, denn bei jeder Gelegenheit werden größere und kleinere Anliegen an ihn herangetragen - etwa wenn er bei runden Geburtstagen seiner Gemeindemitglieder zum Gratulieren vorbeikommt.

Anfragen würden sehr viele gestellt, berichtet der 48-Jährige. "Vor allem Kleinigkeiten, aber das sind keine Nichtigkeiten!", betont er. Besonders eine ist ihm im Gedächtnis geblieben. Eine ältere Bewohnerin der Haarth hatte ihn gefragt, ob die Gemeinde dort an einem besonders schönen Fleckchen nicht eine Bank aufstellen könnte. Rosenbauer bat die Dame, die besagte Stelle mit einem Holzpflock zu markieren, damit er sie auch finde. Die Haartherin setzte nicht nur den Holzpflock, sie hängte auch gleich ein Schildchen dran: "Hier stellt der Bürgermeister eine Bank auf". Das Schild wiederum fiel einem Spaziergänger auf - zufällig ein Bekannter Rosenbauers. "Er hat mich angerufen und wollte wissen, ob ich schon einen Sponsor für die Bank hätte, er würde sie bezahlen", erzählt Rosenbauer lachend. Das Angebot nahm er natürlich gerne an.

Gleich nach seinem Wahlsieg hat Rosenbauer auch schon Spaziergänge in den Untersiemauer Ortschaften unternommen, um sich einen Eindruck davon zu verschaffen, wo etwas getan werden müsste. Einige Punkte konnte er inzwischen auch schon als "erledigt!" von seiner Aufgabenliste streichen. Den Gehsteig am Hirtenberg, zum Beispiel. Der wurde dringend benötigt, weil Schulkinder aus dem Baugebiet dort entlang laufen müssen. Den entsprechenden Beschluss gab es allerdings schon vor Rosenbauers Amtsantritt "und mittlerweile gibt's auch den Bürgersteig".

In Scherneck entstand durch die Dorferneuerung zwischen einem Gehsteig und Privatgrundstücken ein Grünstreifen. Die Anwohner baten darum, dass dieser gereinigt werden solle. "Bei Gesprächen vor Ort haben wir uns geeinigt, dass der Bauhof die Grundreinigung übernimmt und die Anwohner selbst mitarbeiten - also gießen und Unkraut jäten", sagt Rosenbauer.

Sehr offen und freundlich seien die Untersiemauer bisher an ihn herangetreten. Die Kinder aus dem Kindergottesdienst etwa haben ihrem neuen Bürgermeister gleich ein Willkommensgeschenk gebastelt - ein Kreuz, das jetzt im Sitzungssaal des Rathauses hängt. Es ist vor einem Spiegel platziert, denn auf der Rückseite haben die Kinder ihre Namen und viele gute Wünsche verewigt - unter anderem den, dass sich die Gemeinderatsmitglieder immer vertragen mögen.


Wenig Kontakt zum Vorgänger

Das ist dem neuen Bürgermeister auch selbst sehr wichtig - sowohl im Gemeinderat wie auch in der Gemeinde. "Untersiemau war jahrzehntelang SPD-regiert und dann kommt so ein ,junger‘ Bürgermeister, der den bisherigen Amtsinhaber vom Sessel schubst..." - mit 52,8 Prozent hatte sich Rosenbauer überraschend gegen seinen Vorgänger Michael Bosecker (SPD) durchgesetzt. Übel genommen hat ihm das offenbar keiner: "Ich habe keinerlei Ressentiments erfahren." Vom Untersiemauer SPD-Vorsitzenden zum Beispiel sei er gleich am Montag nach seinem Wahlsieg herzlichst begrüßt worden. "Das gab schon sehr viel Selbstbewusstsein."

Und dass er mittlerweile sogar von den Kindern in der Untersiemauer Schule mit "Hallo, Herr Bürgermeister!" begrüßt wird, findet er toll und - das gibt er zu - macht ihn auch ein bisschen stolz.

Sein Vorgänger, Michael Bosecker, hat zu Beginn der neuen Legislaturperiode mit Rosenbauer Interna besprochen und ihn eingewiesen. Heute, drei Monate nach dem offiziellen Amtswechsel, ist der Kontakt zu Bosecker, der weiterhin im Gemeinderat sitzt, deutlich weniger geworden. "Wir gehen respektvoll miteinander um, aber sonst gibt es keine Berührungspunkte", sagt Rosenbauer. Holt er sich denn ab und zu Ratschläge bei seinem Vorgänger? Der 48-Jährige schüttelt den Kopf. "Nein, da habe ich meine eigenen Quellen bei erfahrenen ehemaligen Kommunalpolitikern."

Apropos Kommunalpolitiker - Rosenbauers Coburger Kollege, Oberbürgermeister Norbert Tessmer (SPD), hatte kürzlich bei seinem ersten Bieranstich auf dem Vogelschießen so seine Probleme mit Hammer und Fass. 14 Schläge hatte Tessmer benötigt, bis das Bier floss. Wie sieht es denn auf diesem Gebiet mit Rosenbauers Fertigkeiten aus? Ist er sattelfest? Der Untersiemauer Bürgermeister lacht. "Meine Großmutter hatte eine Wirtschaft in Fechheim. Da habe ich schon das eine oder andere Fass angestochen - also ja."