Rembrandt in Coburg? Kein Problem. Gar kein Problem. Unter den 220 000 Blättern der Graphischen Sammlung auf der Veste, die von der Menge wie von der Qualität her zu den bedeutendsten Europas gehört, befinden sich 340 "Rembrandts", darunter das nur in wenigen Abzügen erhaltene berühmte "Hundertguldenblatt". Und wer weiß, was noch alles in den Mappen steckt, die noch lange nicht durchforstet, gar wirklich erforscht sind. Nun also eine große Rembrandt-Ausstellung in den Kunstsammlungen.
Gezeigt werden 100 Rembrandt-Graphiken, die einen solch vielfältigen und reichen Einblick in das Werk dieses innovativen und bis heute tief berührenden Künstlers bieten, dass ein Besuch kaum genügen wird. Weshalb auch ein intensives Begleitprogramm zum größeren Verständnis angeboten wird, gerade auch für Kinder.
Außerdem: Auch wenn die Werbetafeln für die Ausstellung geradezu riesige Rembrandt-Bilder zeigen, die Originale sind oft winzig, wenige Zentimeter breit. Man kriegt eine Lupe, um in den unglaublichen Detailreichtum einzudringen, in die oftmals versteckten Bilder in den Bildern, die Hinweise, bildlichen Kommentare des Malers zum eigenen Thema. Diese Präzision ermöglicht erst die zigfache Vergrößerung.


Lebendige Darstellung

Die beeindruckende Schau ist ein Kooperationswerk der Veste mit Jürgen Müller, Professor für Kunstgeschichte an der Technischen Universität Dresden, und den Städtischen Museen Freiburg, wo der erste Teil der Ausstellung im letzten Jahr zu sehen war. Federführend in Coburg ist die Leiterin des Kupferstichkabinetts, Stefanie Knöll.
In der Schau unter dem Titel "Von der Macht und Ohnmacht des Leibes" wird in mehreren Kapiteln vor allem die erstaunliche "Lebendigkeit" von Rembrandts Wirklichkeitsabbildung unterstrichen, seine unvergleichliche Art, die "Energie der Wirklichkeit" einzufangen. Wie Knöll und Müller erläutern, ging es Rembrandt nicht um die bis dahin weitgehend übliche Stilisierung, Überhöhung, die "Schönheit" der und des Dargestellten in ihrer Funktion, sondern um eine - oftmals aus christlicher Grundhaltung - mitfühlende Auffassung.
Rembrandt zeigt sich selbst als Suchenden über die üblichen Posen, geschauspielerten Gemütsverfassungen und Kostümierungen hinweg. Er zeigt "Bedürftige" wie Gelehrte und herausragende Persönlichkeiten, die den Betrachter unmittelbar ansprechen. Der Prediger wird im nächsten Moment ganz sicher anfangen zu reden über das eben Gelesene. Eine Hand scheint wie aus dem Bild herauszugreifen.


Unkeusche Blicke

Dass Rembrandt aus seinem Suchen, Forschen, Experimentieren irgendwann auch zu drastischer sexueller Darstellung kommen musste, ist folgerichtig. Sexszenen, "unkeusche Blicke" von zu dieser Zeit ungewöhnlicher pornografischer Direktheit, die gleichzeitig die eigene Geilheit und die des Betrachters mitreflektieren. "Der Horizont dieser Kunst lässt nichts aus", fasst Jürgen Müller zusammen.
"Der guckt nicht weg, das ist das Ergreifende an Rembrandt", sagt Stefanie Knöll im Hinblick etwa auf die Bettler-Bilder und dass er sich nicht wie seine Kollegen auf ein Genre spezialisierte. Statt geschönter Historienbilder schaut einem der eigentliche Mensch in die Augen.
Die Ausstellung befasst sich auch mit der staunenswerten Technik Rembrandts, direkt auf die Platte, meist ohne Vorzeichnung zu radieren. Spontan und immer wieder ausgesprochen modern wirken seine Szenen. Über sogenannte "Zustandsdrucke" wird erläutert, wie sich die Ergebnisse in den Druckzyklen verändern, denn Rembrandt hörte nicht auf zu bearbeiten. Was wiederum in Coburg gezeigt werden kann, weil man hier mitunter mehrere "Zustände" eines Werkes besitzt.
Verwiesen wird auch auf Rembrandts virtuoses Spiel mit Hell und Dunkel. Manche Graphiken erscheinen fast schwarz, bis sich der dargestellte Raum allmählich realisiert. Gesichter materialisieren sich langsam im Gegenlicht. Rembrandt ist zeichnerischer und malerischer Graphiker zugleich. Jedes Blatt erzählt eine komplexe Geschichte, die heute zu lesen eine eigene Kunst darstellt. Doch die uns zu erschließen, gibt es eben solche Ausstellungen.

Die Ausstellung Kunstsammlungen auf der Veste Coburg: Rembrandt. Von der Macht und Ohnmacht des Leibes. Sonderausstellung bis 9. September. Zur Ausstellung ist ein Katalogbuch erschienen, das zum Sonderpreis auf der Veste zu erwerben ist.

Rahmenprogramm Neben Vorträgen und Sonderführungen wurde auch ein museumspädagogisches Programme für Schulklassen sowie Angebote für Kinder in den Ferien vorbereitet. Informationen über die Schüler-Führungen und die Kunst-Werkstatt für unterschiedliche Altersklassen im Internet.

Rembrandt Harmenszoon van Rijn (geboren 1606 in Leiden; gestorben 1669 in Amsterdam) ist einer der bedeutendsten niederländischen Künstler des Barock. Rembrandt studierte bei Pieter Lastman, eröffnete 1625 in Leiden sein erstes Atelier und zog bald Aufmerksamkeit auf sich. 1631 zog er nach Amsterdam, wo er sich zu einem gefeierten Künstler entwickelte. Trotzdem litt er zeitweise unter erheblichen finanziellen Problemen, ging 1656 in Insolvenz und starb in Armut. wp


Begleitprogramm
Noch viel mehr über Rembrandt

Begleitend zur Sonderausstellung "Rembrandt. Von der Macht und Ohnmacht des Leibes", der Kunstsammlungen auf der Veste Coburg geben zwei Vorträge einen Einblick in das Werk des niederländischen Künstlers. Beide Vorträge werden in Kooperation mit dem Kunstverein Coburg angeboten und finden im Pavillon des Kunstvereines statt. Der Eintritt ist frei. So spricht der Jürgen Müller, Professor für Kunstgeschichte an der Technischen Universität Dresden am Dienstag, 26. Juni, um 19.30 Uhr zum Thema: "Homer und die Pharisäer. Eine Neuinterpretation von Rembrandts "Hundertguldenblatt".
Unter allen Radierungen bildet das Hundertguldenblatt den Höhepunkt von Rembrandts Schaffen. Der Vortrag von Jürgen Müller versucht, die kunsttheoretische Aussage der Radierung zu rekonstruieren. Er zeigt, wie sehr sich Rembrandt mit der italienischen Kunst der Hochrenaissance auseinandersetzt.
Am 11. Juli, 19.30 Uhr, erläutert Stefanie Knöll, die Leiterin des Coburger Kupferstichkabinettes, Rembrandts "Druckgraphik als Prozess. Neue Überlegungen zu Rembrandts Halbbekleideter Frau am Ofen". Rembrandt hat die Darstellung mehrfach überarbeitet und neu gedruckt. Doch warum schuf der Künstler mehrere Versionen, die sich anhand interessanter Details unterscheiden lassen?
Bereits am morgigen Samstag gibt es um 14 Uhr eine Kuratorenführung mit Stefanie Knöll. Keine Anmeldung nötig. Ihre Reihe "Das besondere Blatt" am Sonntag um 14 Uhrwiederum befasst sich unter dem Titel "Von Elefanten und Drachen mit Rembrandts Sündenfall-Darstellung ct