"Ehrliche Arbeit" hat Norbert Blüm sein Buch genannt, "ein Angriff auf den Finanzkapitalismus". Auf rund 300 Seiten rechnet er vor und ab, wie wenig der Finanzkapitalismus taugt, die Probleme zu lösen, die er schuf. "Ehrliche Arbeit" müsse wieder ihren Stellenwert erhalten, fordert Blüm: Zum einen, weil der Mensch arbeiten muss, um ein Mensch zu sein, zum anderen, weil nur die Arbeitskraft die Werte schafft. Verkürzt gesagt.

Coburger Tageblatt: Herr Blüm, was ist denn "ehrliche Arbeit"? Wer arbeitet "unehrlich"?
Norbert Blüm: Ehrliche Arbeit ist die, die Werte schöpft. Nicht das Spiel mit Geld. Auch die unbezahlte Arbeit der Mutter oder der pflegenden Kinder ist Arbeit. Wir müssen den Arbeitsbegriff erweitern, über die Abhängigkeit von Lohnsteuer und Erwerbsarbeit hinaus. Der klassische Arbeitnehmer ist so eindeutig nicht mehr definierbar. Schon beim Scheinselbstständigen verfließen die Grenzen.

Mehrfach betonen Sie in Ihrem Buch die Bedeutung der Arbeit für die Persönlichkeit des Menschen. Wie sehr hat Sie Ihr Arbeiterdasein geprägt?
Ich glaube, dass wir in der Arbeit wachsen. Arbeit geht nicht ohne Anstrengung. Arbeit ist nie der pure Spaß - dann wären wir beim Spiel. Ich jedenfalls muss mich zur Arbeit überwinden, und ich habe da in der Lehre bei der Firma Opel viel gelernt.

Sie sagen, wir müssen den Arbeitsbegriff erweitern - über die Erwerbsarbeit hinaus. Doch Sie wenden sich gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen. Warum?
Ich empfehle all denen, die das bewundern, zu den Eskimos in Kanada zu fahren, die beziehen ein arbeitsloses Einkommen. Eine Folge ist kollektive Traurigkeit. Und es sind viele Fragen unbeantwortet: Wer soll es finanzieren? Wer kriegt's, wer nicht? Wer zieht die Grenze? Wenn wir es ans Einkommen koppeln, dann sind wir im größeren Maßstab bei Hartz IV angekommen. Wenn nicht, hätte auch ein teilzeitarbeitender Millionär Anspruch auf Grundeinkommen. Wenn es nicht teurer wird als jetzt, dann wird lediglich das vorhandene Geld auf mehr Empfänger umverteilt. Das bedeutet: Am Ende zahlen die heutigen Leistungsempfänger. Und: Das Finanzamt wäre für alles zuständig. Ich will keinen Staat, der ständig prüft, biste reich, biste arm.

Sie plädieren für die klassische soziale Marktwirtschaft, beitragsfinanzierte Sozialsysteme - ist Ihr Denken nicht voll siebziger Jahre?
Ja, das ist aber auch das Denken der Zukunft. Es sei denn, wir lassen uns auf die Alternativen ein und privatisieren alles oder geben alles dem Staat. Die Privatisierung können sich viele nicht leisten. Und ich möchte keinen Sozialstaat, der alles über eine Superbehörde löst. Wer Beiträge zahlt, erhält auch eine Leistung. Wer daran nicht teilnehmen kann, soll Fürsorge erhalten. Doch um die Höhe der staatlichen Fürsorge wird immer wieder neu gestritten, das sieht man jetzt auch beim Betreuungsgeld. Die Riesterrente nützt denjenigen, die Dividenden der Allianz beziehen. Die Privatvorsorge ist ein Ergebnis einer Interessengemeinschaft von Bildzeitung und Allianz - die einen haben die Anzeigen bezahlt, die anderen die redaktionelle Arbeit gemacht. Dafür haben sie die Rente madig gemacht, und einen Buhmann gebraucht, das war der Blüm. Ich würde die Sozialversicherung vom Staat unabhängig machen. Es ist immer gut, wenn es einen Zusammenhang zwischen Anspruch und Leistung gibt. Die geniale Idee der Rentenversicherung ist ja, dass man Anspruch auf Solidarität erwirbt, indem man sich solidarisch zeigt.

Was haben Sie in Ihrer Zeit als Minister denn getan, um die Sozialversicherung vom Staat unabhängig zu machen?
Ich habe versucht, den Zusammenhang von Beitrag und Leistung zu sichern. Wer Fremdleistung will, muss sie bezahlen. In meiner Zeit ist der Bundeszuschuss für die Renten von 20 auf 30 Prozent gestiegen, weil die Ausgaben gestiegen sind. Bei der Krankenversicherung habe ich die einzige Reform gemacht, die zu rapiden Beitragssenkungen geführt hat - weil festgelegt wurde, dass die Krankenversicherung nicht für alles zuständig ist: Nicht für Reisetabletten, Sterbegeld, und bei wirkungsgleichen Medikamenten gibt es einen Festzuschuss. Durch die Einführung der Pflegeversicherung war die Pflege nicht mehr von der Sozialhilfe abhängig. Bei allen Mängeln, die die Pflegeversicherung hat - sie hat vieles verändert. Durch sie wurde eine ambulante Struktur aufgebaut.

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