Werner Reiners-Kröncke passte der Termin, weil er ohnehin nach Nürnberg musste. "Da hab ich das erste Mal gemerkt, dass Coburg eine Stadt ist und keine Versicherung." Offenbar waren Vortrag und der abendliche Plausch mit Kollegen genug Empfehlung, so dass ihm 1981 die Bewerbung auf eine Coburger Professur nahegelegt wurde. So etwas, sagt er, habe er sich gar nicht vorstellen können. Aber er bewarb sich, "auch, um meinen Marktwert zu testen". Und wurde genommen.
Am 1. März 1982 trat er den neuen Posten an. Dabei half, dass Freunde das eigenhändig renovierte Fachwerkhaus in Hamm übernahmen und kurz zuvor seine Boxerhunde gestorben waren. Er hatte zwei, Hündin und Rüde, mit denen er züchtete. Was also hielt ihn in der Heimat, die ohnehin nicht seine war? Die Eltern waren Flüchtlinge, sein Geburtsort 1948 ohnehin eher eine Durchgangsstation als ein Ziel. Die Familie siedelte einige Jahre später nach Witten um, und dort wuchs Reiners-Kröncke auf. Er machte zunächst eine Ausbildung zum Industriekaufmann und sattelte dann ein Studium drauf (Sozialarbeit, Erziehungswissenschaften, Soziologie). Leitete ein Jugendheim für straffällig gewordene Mädchen und ein SOS-Kinderdorf und war mehrere Jahre bei der Hauptstelle gegen die Suchtgefahren.
"Coburg ist der Ort, an dem ich in meinem Leben am längsten war", sagt er und wirkt selbst fast ein wenig darüber verwundert. Erst wohnte er in Creidlitz, allein. Seine spätere Frau Christa lernte er bei einer Fachtagung kennen. Als sie eine Stelle im Coburger Jugendamt erhielt, zog die Bremerin hierher. 1988 wurde geheiratet, und sie kauften ein Haus am Haarther Kellerweg. Eins, das man umbauen und anpassen konnte. 1990 und 1991 kamen die beiden Jungs zur Welt, die nun beide studieren ("ich hab denen Wuppertal sooo schmackhaft gemacht, aber die wollten nicht weg"). Beide haben eine dualen Studiengang mit gleichzeitiger Berufsausbildung gewählt, an der Hochschule Coburg.
Da war ihr Vater lange Jahre mehr als nur Professor. Zehn Jahre war er Vizepräsident der Hochschule, führte organisatorische Neuerungen ein. Eine Stelle für Öffentlichkeitsarbeit, zum Beispiel. Und - nach dem Amoklauf von Erfurt - "ein Sicherheitskonzept, das seinesgleichen sucht". Doch nicht nur von daher wurzeln seine guten Kontakte zu Hilfs- und Rettungsorganisationen. Reiners-Kröncke, seit 1963 Mitglied beim Roten Kreuz, ließ sich in Coburg reaktivieren. Er beriet das Blaue Kreuz, rief die Kriseninterventionsteams der Rettungsorganisationen mit ins Leben. Nun, als Fast-Ruheständler, hat ihn der BRK-Kreisverband zum Beauftragten für die Öffentlichkeitsarbeit und die Sozialen Dienste ernannt.
60 bis 70 Arbeitsstunden will er da pro Monat dreingeben, sagt er. Ruhestand ist mit dem Boxerwelpen Vayu derzeit eh nicht drin. Der vier Monate alte Schlacks mit gelbem Fell bringt Leben in Haus und Garten. Letzterer ist nun wieder von einem Zaun umgeben. Vor Jahren noch, beim Einzug, hatte Reiners-Kröncke alle Zäune beseitigt.
Sein privates Büro liegt direkt hinter dem Vorraum mit Vayus Unterkunft, als Durchgang zur Bibliothek. Hier darf geraucht werden, hier huldigt der Jazzfan seinem großen Idol Louis "Satchmo" Armstrong. "Pädagogik macht Spaß", behauptet ein Buchtitel quer zum Regal keck in den Raum hinein, umgeben von weiteren heiter-ironischen Sprüchen, mit denen der Hochschullehrer sein Fach auf die Schippe nimmt.
Leise sei er vor 30 Jahren an die Hochschule gekommen, leise wolle er auch gehen, hat der 64-Jährige angekündigt. Formell muss er das Semester noch zu Ende machen, aber es naht ja die vorlesungsfreie Zeit, und dann hat er bis 30. September Zeit, die letzten Arbeiten zu korrigieren. Lange Urlaube sind ohnehin nicht geplant. Werner und Christa Reiners-Kröncke unternehmen lieber Kurztrips, sei es an die Ostsee, nach Marienbad oder Venedig.
Eigentlich, so hatte es sich Reiners-Kröncke einmal vorgenommen, wollte er seinen Ruhestand an der Ostsee verleben. Doch vorerst wird wegen anderer Verpflichtungen sowieso nichts draus, und warum auch weggehen? "Wahrscheinlich werden wir hier hängen bleiben" sagt er mit Blick über den Itzgrund hinüber nach Creidlitz. "Man kann ganz gut hier leben."