"Über die Zusage für dieses Haus hab ich mich fast mehr gefreut als über den Studienplatz!" Vanessa Dietz strahlt und führt stolz in ihr neues Reich: Eine kleine Einzimmerwohnung in der Leopoldstraße 5. Gleich rechts von der Tür eine Küchenzeile, daneben die Tür zum Bad (Dusche und WC). Das Zimmer bietet Platz für ein breites Bett und einen Schreibtisch; der Schrank steckt im Raumteiler. Die Möbel sind passgenau gefertigt. "Die Studenten müssen nur noch ihre eigene Matratze und ihre persönlichen Sachen mitbringen", sagt Jonas Weber, der bauleitende Architekt. "Sogar der Matratzenschoner lag schon drin", bestätigt Vanessa Dietz, die sich vor allem über ihr geräumiges Bad freut, "nach dem, was ich von den anderen Wohnheimen gesehen habe". Dabei sei ihr Bad noch eins der kleinsten, verrät Jonas Weber.
Otto Waldrich, der am 15. Juli verstorbene Coburger Ehrenbürger und Mäzen, wollte ein Studentenwohnheim in der Innenstadt schaffen und gleichzeitig einen Schandfleck beseitigen. Die Wahl fiel auf die Leopoldstraße 5, "weil es zum Budget passte", wie Architekt Albert Wagner am Freitag bei der offiziellen Übergabe sagte.


Präsent im Treppenhaus

1,3 Millionen Euro kosteten Bau und Ausstattung des Hauses. Außer den vollmöblierten Apartments finden die Studierenden einen gemeinsamen Fahrradkeller, einen Gemeinschaftsraum und eine Waschküche mit drei Waschmaschinen vor - ebenfalls von Otto Waldrich gespendet. Zwölf Wohnheimplätze in zehn Wohnungen bietet das Haus; acht für Einzelbelegung, zwei für zwei Bewohner. Verwaltet wird es vom Studentenwerk Oberfranken, das in Coburg nun sieben Wohnheime anbieten kann mit insgesamt 624 Plätzen. Laut Homepage des Studentenwerks sollen im Wohnheim Otto Waldrich bevorzugt Maschinenbau-Studenten unterkommen. Insofern hat Vanessa Dietz als angehende Architektin tatsächlich Glück gehabt.
Otto Waldrich ist im Haus stets präsent, auch wenn die meisten Bewohner vermutlich nicht wissen, wessen Gesicht ihnen aus dem Glaskunstwerk im Treppenhaus entgegenblickt. Susan Liebold hat es geschaffen,"Otto Waldrichs Lieblings-Glaskünstlerin", wie Albert Wagner hervorhob. Waldrich sammelte Glaskunst und förderte das Europäische Museum für modernes Glas bei Schloss Rosenau in Rödental.
Aus Glas war auch das letzte Erinnerungsstück, das Getrud Bartelmus in Waldrichs Auftrag an die Gäste verteilte: kleine durchsichtige Herzen.


Nur die Außenanlagen fehlen noch


"Es war ihm ein Herzensanliegen, dass so ein Studentenwohnheim in der Innenstadt entsteht", stellte Oberbürgermeister Norbert Tessmer (SPD) fest. Am Freitag wurde vorm Haus die offizielle Übergabe gefeiert. Der Festplatz war allerdings nicht ganz unproblematisch: Bis jetzt hat die Stadt kein Konzept, wie der Bereich vor dem Haus in Verbindung mit dem Platz vor der Reithalle als Übergang zum Schlossplatz gestaltet werden soll. Dafür habe Otto Waldrich bis zum Schluss wenig Verständnis gehabt, stellte Architekt Albert Wagner fest. Waldrich hatte zugesagt, dass das Haus zum Wintersemester 2017 bezugsfertig sein werde und Wort gehalten. Die Stadt, die zeitgleich die Außenanlagen vollenden wollte, konnte ihr Wort nicht halten, wie OB Tessmer bedauerte.
Wagner hob hervor, dass Waldrich sich bis kurz vor seinem Tod noch für jedes Detail des Baus interessiert habe und auch die Baustelle besuchte. Am 15. Juli war der ehemalige Industrielle, Mäzen und Ehrenbürger gestorben; am 1. Juni hatte er das nahezu fertige Gebäude der Stadt übereignet.
1,3 Millionen Euro hatte Waldrich aus eigenen Mitteln in das Haus investiert. Er legte Wert auf gute Gestaltung und auf Qualität; hiesige Handwerker sollten beschäftigt, heimische Materialien verbaut werden. Das sei gelungen, sagte Architekt und Bauleiter Jonas Weber. Der Sockel und die Treppenstufen im Innern sind aus Granit, die Fenster aus Kiefernholz. Die zehn Appartments sind zwischen 22,5 und 32 Quadratmeter groß. Jedes verfügt über eine Küchenzeile und ein eigenes Bad. Sie sind komplett möbliert, auch deshalb, weil die Möbel vom Schreiner in die teilweise schrägen Grundrisse eingepasst wurden.
Ein "stolzes Wohnhaus" sei da entstanden, lobte OB Tessmer, der wiederholt an Waldrich erinnerte und um einen Moment des Gedenkens bat. "Heute wäre sein Fest- und Freudentag gewesen", bestätigte Architekt Albert Wagner.