Mit den Osterlämmern ist es heuer bei Detlef Hess ein bisschen blöd gelaufen. Weil die Natur, sprich: die Muttertiere, nicht so recht mitgespielt hat, sind die vielen Schafe auf dem "Hessenhof" noch zu klein, um auf der österlichen Speisekarte zu landen. Da kann selbst der größte Schafzüchter des Coburger Landes nur mit den Schultern zucken und sagen: "So ist das nun einmal mit der Natur. Sie entscheidet, wann die Tiere auf die Welt kommen." Und das war heuer einfach zu spät.

Aber nichtsdestotrotz war der Trubel in der rund 550 Muttertiere großen Schafherde der Familie Hess in den vergangenen Tagen riesengroß: Schafscheren war angesagt! Seit Jahren kommt dazu der Südthüringer Schur-Profi Uwe Kirsch auf den Aussiedlerhof bei Großwalbur, um dort wie im Akkord die "Hessen-Schafe" von ihrem Winterfell zu befreien.

Auf die Frage, ob er mit den geschorenen Fellen einen schönen Gewinn macht, winkt Hess nur ab: "Der Erlös deckt gerade einmal die Kosten für die Schur." Dabei könnte sich die Menge, die Uwe Kirsch so in eineinhalb Tagen zusammenrasiert, durchaus sehen lassen: Bei zwei bis zweieinhalb Kilo Wolle pro Schaf gehen jedes Jahr fast zwei Tonnen Wolle an einen Großhändler in Norddeutschland. "Das ist einer der wenigen, die noch Wolle abnehmen", erklärt Detlef Hess.

Dennoch lohnt sich die große Schafherde für Detlef Hess auch wirtschaftlich. Aber nur aus einem Grund: der Landschaftspflege. Die war der Grund, warum auf dem "Hessenhof" Mitte der 90er Jahre die große Schafherde aufgebaut wurde. "Eigentlich kann man heutzutage mit Schafen nur noch in der Landschaftspflege Geld verdienen", erklärt Detlef Hess. Im Coburger Land arbeitet Hess mit dem Landschaftspflegeverband zusammen. In dessen Auftrag zieht die Hessen-Herde über wertvolle (Naturschutz-)Flächen und sorgt dafür, dass diese nicht zuwachsen.

Jetzt, rund um die Osterfeiertage, ist die Nachfrage nach Lammfleisch naturgemäß am größten. Doch allzu viele Lämmer konnte der "Hessenhof" diesmal nicht anbieten. "Es läuft wohl eher auf Pfingst-Lämmer hinaus", musste Detlef Hess seinen Einzelkunden bei der Direktvermarktung mitteilen.

Großkunden hat Detlef Hess sowieso keine. Eine Tatsache, die ihn ziemlich enttäuscht, weil die Schafzucht in ganz Deutschland sowieso schon ein hartes Brot ist. Dass nun inzwischen kaum ein Restaurant mehr Fleisch aus Coburger Landen auf der Speisekarte stehen hat, kann der Landwirt nicht verstehen: "Wenn man weiß, wo es her kommt, ist frisches Lammfleisch eine absolute Delikatesse." Aber es sei wohl so, dass der schwere Preiskampf auf dem Markt dazu führe, dass fast ausschließlich Import-Ware auf den Spesiekarten lande. Wenn es um die Qualität von Lammfleisch geht, weiß Detlef Hess, wovon er spricht. Denn wenn er mit seiner Familie im Sommer den Grill anschürt, kommt fast immer ein Stück Lammfleisch auf den Rost. "Das ist so zart, das kann man gar nicht beschreiben. Man muss es probieren", sagt Hess.


Züchten und essen?

Natürlich muss jetzt die Frage kommen, wie er es denn als Züchter nach dem täglichen Kontakt mit den putzigen Lämmern überhaupt übers Herz bringen kann, die erst ein paar Monate alten Tiere zu schlachten. "Diese Frage höre ich oft, wenn wir Besuchergruppen auf dem Hof haben", sagt Hess Er jedenfalls hat kein Problem damit, Fleisch vom eigenen Bestand zu essen. Als Schafzüchter sei es halt das "tägliche Brot", im Frühjahr Teile des Nachwuchses zum Schlachter zu bringen.

Allerdings räumt Detlef Hess ein, dass ihm seine Schafherde schon besonders ans Herz gewachsen ist. Er bezeichnet die Tiere deshalb auch als "Aushängeschild", was die Arbeit auf dem "Hessenhof" angeht. Deshalb gehört mit Oliver Zigahn sogar ein ausgebildeter Schäfer zum Team auf dem Hof. Aber auch Detlef Hess nimmt sich gerne einmal Zeit, um seine Herde draußen in der Natur oder im Stall zu besuchen. Die "unwahrscheinliche Ruhe", die die Tiere ausstrahlen, ist es, was Detlef Hess fasziniert.

Und dass die Schafe meist die Ruhe weg haben, merkt auch Uwe Kirsch. Kaum ein Schaf wehrt sich, wenn der routinierte Schaf-Scherer zupackt und das Tier von seinem dicken Winterfell befreit. "Die älteren Schafe wissen, dass ihnen keine Gefahr droht. Es tut ihnen ja gut, wenn sie jetzt nicht mehr so schwitzen", erklärt Detlef Hess. Nur die jüngeren Tiere proben ab und an den Aufstand. Dabei sollten die doch froh sein, dass sie kein Osterlamm geworden sind.