Im Hause von Eisenstein liegt Untreue in der Luft. Gabriel und Rosalinde sind Gefangene in einer Welt des schönen Scheins. Der Schönheitschirurg und seine Gattin - sie sehnen sich nach Leidenschaft und überraschenden Gefühlen und müssen doch die Maske der gediegenen Wohlanständigkeit tragen. Ein Ehepaar auf dem Sprung - zum Seitensprung. Das ist die Ausgangslage in der "Fledermaus", der erfolgreichsten Operette von Walzerkönig Johann Strauß - zumindest in der Sichtweise von Gast-Regisseur Holger Potocki.

Gewitzt und temporeich

Am Landestheater Coburg gelang Potocki mit seiner Inszenierung das turbulente und gewitzte Kunststück, ein fast schon zum Überdruss bekanntes Stück intelligent, temporeich und hintersinnig in die Gegenwart zu holen, ohne die Dramaturgie des Werks zertrümmern zu müssen.

Psychologische Tiefenschärfe

Das Regie-Konzept Potockis wirkt schlüssig und lässt zugleich Raum für mancherlei Anspielungen, die das vor fast eineinhalb Jahrhunderten uraufgeführte Werk auch für jüngere Zuschauer interessant erscheinen lassen. Mit klugem Einfühlungsvermögen schärft Potockis Deutung die Figuren, verleiht ihnen in seiner runderneuerten Textfassung durch zusätzliche Details psychologische Tiefenschärfe und lässt inmitten der verwechslungsreichen Handlung die Motive der Protagonisten gut nachvollziehbar werden.

Dazu hat Potockis Ausstatterin Lena Brexendorff ein Bühnenbild entworfen, das ebenso Eleganz und morbiden Charme ausstrahlt wie die sorgfältig detailreich gestalteten Kostüme. Gerade der 2. Akt wird regelrecht zum Festival schrill-witziger Kostüme, die verstaubte Operettenfiguren flott in die Gegenwart holen.

Tanz am Abgrund

Gabriel von Eisenstein (Marvin Zobel) und Rosalinde (Judith Kuhn) zelebrieren den Tanz am Abgrund der Untreue mit stilsicherem Gesang und pointiertem, sehr lebendigem Spiel. Der Schönheitschirurg mit fatalem Hang zu Kunstfehlern und seine amourösen Abenteuern durchaus nicht abgeneigte Gattin werden zum Traumpaar dieser Inszenierung.

Tenoraler Charme

Aber nicht nur sie profitieren von Potockis stimmiger Regie. Emily Lorini als Prinz Orlofsky, Peter Aisher mit tenoralem Charme als Rosalindes Verehrer Alfred, Bartosz Araszkiewicz (Michael Lion) als Gefängnisdirektor Frank und Christian Huber als raffiniert intrigierender Dr. Falke - sie profilieren sich ebenso in Potockis gut umgesetztem Konzept wie Dirk Mestmacher als Dr. Blind, Francesca Paratore als Kammermädchen Adele und Laura Incko als Stubenmädchen Adele. Brillant: Stephan Mertl als Gefängniswärter und Gefängnispsychologe Frosch.

Einen entscheidenden Beitrag zum Gelingen dieser Neuinszenierung leistet der von Mikko Sidoroff bestens einstudierte Chor des Landestheaters, der nicht nur musikalisch stets überzeugt, sondern durch seine Spielfreude auch das Geschehen auf der Bühne beflügelt.

Blick hinter die Fassade

Der unsichtbare Hauptdarsteller dieses rundum gelungenen Premierenabends aber ist die Musik. Coburgs junger Erster Kapellmeister Johannes Braun beweist feines Gespür für die melodienselige Partitur, entdeckt hinter der schmissigen und scheinbar stets munteren Fassade der Walzer und Polkas immer wieder auch eine leise Melancholie und Ironie. Braun hat zudem einige Strauß-Melodien stilsicher zu einem schrägen eigenen Walzer zusammengefügt, der bei der Premiere seine Uraufführung erlebte. Auch ein dramaturgisch effektvoll eingebaute Filmmusik-Zitat aus "Batman" baut Braun raffinierte in die Strauß-Partitur ein.

Mit Schwung und Präzision

Unter Johannes Brauns umsichtiger Leitung spielt das Philharmonische Orchester nach kurzen Anlaufschwierigkeiten mit Schwung, Präzision und klar konturiertem Klang. Beeindruckend, wie intensiv sich Braun vor allem in der flexiblen Ausformung des Tempos einlässt auf die Einfälle der Regie und wie konzentriert und bereitwillig das Orchester seinem jungen Dirigenten dabei folgt.

Ungetrübter Erfolg

Das Publikum goutiert zunehmend applausfreudig diese Frischzellenkurs für "Die Fledermaus" - ein in jeder Hinsicht ungetrübter, wenngleich kein rauschender Premieren-Erfolg.

Sie bringen "Die Fledermaus" in Coburg auf die Bühne

Produktionsteam Musikalische Leitung: Johannes Braun; Chorleitung: Mikko Sidoroff; Inszenierung: Holger Potocki; Bühne und Kostüme: Lena Brexendorff; Lichtdesign: Andreas Rehfeld; Dramaturgie: Dorothee Harpain

Besetzung

Gabriel von Eisenstein: Marvin Zobel

Rosalinde: Judith Kuhn

Prinz Orlofsky: Emily Lorini

Alfred: Peter Aisher

Frank: Michael Lion / Bartosz Araszkiewicz

Dr. Falke: Christian Huber

Dr. Blind: Dirk Mestmacher/Sascha Mai

Adele: Francesca Paratore / Laura Incko

Ida: Laura Incko / Francesca Paratore / Luise Hecht

Frosch: Stephan Mertl

Chor des Landestheaters Coburg

Statisterie des Landestheaters Coburg

Philharmonisches Orchester Landestheater Coburg Holger Potocki inszenierte nach seinem Studium der Musikwissenschaft, Kulturwissenschaft und Geschichte an der Humboldt-Universität über 50 Musiktheaterwerke an deutschen Theatern und gastierte für die Uraufführung "Das verräterische Herz" an den Nationaltheatern von Tokyo und Seoul. Am Theater Magdeburg war er ab 2002 als Oberspielleiter, von 2006 bis 2009 als Operndirektor engagiert. Als Autor von Theatertexten - darunter zahlreiche Opernlibretti - und als freischaffender Regisseur lebt und arbeitet Holger Potocki heute in Berlin. Termine

21., 29. November, 19.30 Uhr, 8. Dezember, 15 Uhr, 11., 19. Dezember, 19.30 Uhr, 26. Dezember, 18 Uhr, 31. Dezember, 15 und 19.30 Uhr, 11., 14., 22., 24. Januar, 19.30 Uhr, 2. Februar, 15 Uhr, 9. Februar, 18 Uhr, 15. Februar, 2. Mai, 14. Juli, 19.30 Uhr, Landestheater Coburg Vorverkauf

Tickets im Vorverkauf gibt es in der Tageblatt-Geschäftsstelle, Hindenburgstraße 3a, Coburg.