"Angefangen hat alles mit Horst Stern am Heiligabend 1971", sagt Norbert Gall. "Bemerkungen über den Rothirsch", hieß ein Beitrag des bekannten Naturfilmers. Zur besten Sendezeit wurde da auf die Wald-Wild-Problematik aufmerksam gemacht. Manchem Jäger mag damit das Christfest versaut worden sein, wurde doch die gängige Jagdpraxis arg kritisiert. Einige begannen das Waidwerk mit anderen Augen zu betrachten, hinterfragten Althergebrachtes und kamen zu neuen, anderen Antworten als die etablierten Jagdverbände. Bis zur Gründung des Ökologischen Jagdverbandes dauerte es noch bis 1988. Norbert Gall ist seit kurzem der Vorsitzende des neu gegründeten ÖJV-Bezirksgruppe Oberfranken.

"Der ÖJV möchte artenreiche, gemischte und naturnahe Wälder", erklärt Gall. Der Grundsatz "Wald vor Wild" der später von der Forstpolitik aufgegriffen wurde, komme aus dem ÖJV. Dahinter stehe die biologisch fundierte Erkenntnis, dass eine Art nur so zahlreich werden kann, wie es der Lebensraum zulässt. Aus diesem Wissen heraus, möchte der ÖJV mit der Jagd dazu beitragen, dass der Waldumbau, mit dem der Forst dem Klimawandel Rechnung tragen will, ohne teure Zäune gelingen kann, die das Wild vom Verbiss an den jungen Pflanzen abhalten.

"Die Beute reguliert den Beutegreifer, nicht umgekehrt", lautet eine biologische Erkenntnis, zu der die Mitglieder des ÖJV stehen. Während konservative Jäger einer Rückkehr von Luchs und Wolf eher skeptisch gegenüber stehen, sieht der ÖJV das weniger problematisch. Norbert Gall erinnert an die Wiederansiedlung von Wölfen im amerikanischen Yellowstone Nationalpark. Dort wurde das aus den Fugen geratene Gleichgewicht zwischen Lebensraum und Wapitihirsch durch die Wölfe wieder eingerenkt.

Kein Konfrontationskurs

Mag so mancher traditionell geprägter Jäger den Kopf schütteln, wenn er solche Ansichten zu hören bekommt, betont Norbert Gall dennoch: "Wir wollen nicht gegen den BJV (Bayerischer Jagdverband, die Red.) wettern, sondern nur zeigen, dass es eine Alternative gibt."

Die Alternative wird bisher nur von einem kleinen Teil der Jagdbegeisterten im Freistaat nachgefragt. Rund 46 000 Mitgliedern des BJV stehen gerade rund 650 im ÖJV gegenüber. Dennoch ist Norbert Gall überzeugt: "Wir haben uns inzwischen Gehör verschafft und werden respektiert."

Dass Jäger aus ÖJV und BJV nicht als naturgegebene Gegner auftreten müssen, zeigt für Gall die Hegegemeinschaft Frankenhöhe, zu der sein rund 600 Hektar großes Revier in der Nähe von Neustadt an der Aisch gehört. "Wir ziehen dort alle an einem Strang und haben schon viel erreicht", betont er. Jäger aus beiden Lagern seien dort redlich bemüht, den klimagerechten Waldumbau zu unterstützen.

Auch dem ÖJV ist nicht an der Abschaffung der Jagd gelegen. "Wir wollen auch in zehn Jahren noch auf die Jagd gehen", sagt er. Aber er und seine Mitglieder seien zufriedener mit ihrem Hobby, wenn sie das Gefühl haben, den geänderten Rahmenbedingungen in unserer Natur möglichst gerecht zu werden. Neue wildbiologische Forschungen und ihre Ergebnisse will der ÖJV zur Grundlage nehmen, auch das eigene Tun immer wieder zu überdenken und gegebenenfalls anzupassen. Das gelte zum Beispiel für Jagdzeiten. Schon jetzt müsse der Klimaänderung Rechnung getragen werden und die Jagd auf das Rehwild beispielsweise bereits im April gestattet werden. Habe dieser Monat doch immer öfter schon ein Klima, das es früher erst im Mai gegeben hätte.

Kein Schuss auf Haustiere

Umdenken heißt es für den ÖJV auch in anderen Bereichen. So hält es Gall nicht mehr für zeitgemäß, dass Jäger Hunde und Katzen unter bestimmten Voraussetzungen abschießen dürfen. Das sei nicht notwendig und daher nicht zu rechtfertigen. Zumal das Ansehen der Jagd in einer zunehmend jagdkritischen Bevölkerung dadurch nicht gerade gebessert wird. So wie der ÖJV zur sinnvollen Nutzung nicht bedrohter Wildtierarten steht, so kritisch sieht er die Bejagung von Arten, die eben nicht mehr häufig anzutreffen, wenn nicht im Bestand bedroht sind. Hier sollte sich nach Auffassung des Verbands die Jagd den ökologischen Gegebenheiten unterordnen.
ÖJV-Jäger wollen Waldbesitzer und Landwirte einbeziehen, wenn festgelegt wird, was in einem Revier jagdlich notwendig ist. Vor allem Kleinwaldbesitzer sollten ihre Interessen mehr vertreten, findet Gall. Das gelte auch für die Jagdgenossenschaften. "Es gibt schon Reviere, wo die Grundeigentümer ein anderes Bewusstsein entwickelt haben", sagt Gall und denkt an Eigenbewirtschaftung. Während üblicherweise eine Jagdgenossenschaft einen Pächter sucht, der für mindestens neun Jahre einen Pachtvertrag eingeht, gebe es inzwischen auch Genossenschaften, die anders verfahren. Sie bewirtschaften das Revier selbst.

Eigene Ausbildung

Ein Jäger darf dort sein Hobby ausüben, bekommt aber genaue Vorgaben von der Genossenschaft, wie das zu geschehen hat. Für Gall in diese Vorgehensweise keine schlechte Lösung. Die Genossenschaft binde sich nicht für viele Jahre an eine Person. Der Jäger könne kostengünstig auf die Jagd gehen, sei ebenfalls nicht gebunden und vermeide Ärger mit den Jagdgenossen, weil er ja nach deren Vorgaben handelt. Dennoch fänden sich bisher wenige Jäger, die sich darauf einlassen.

Mit eigenen Vorbereitungskursen auf die Jägerprüfung, Hunde-Ausbildung und der Prüfung von Jagdhunden bietet der ÖJV inzwischen ein breites Programm. Gerade bei den Hunden stellt sich eine Alternative dar. Beim ÖJV dürfen nämlich auch Hunde zugelassen werden, deren Zucht nicht den Segen des Verbandes Deutsches Hundewesen hat. Das ist seit einigen Jahren im BJV nicht mehr möglich. "Wir haben lange darum gekämpft", sagt Gall. Ob ein Hund für die Jagd taugt, zeige das Ergebnis der Brauchbarkeitsprüfung, nicht der Stempel eines Verbands.

Nicht auf Konfrontation aus

Immer wieder betont Gall, dass er nicht die Konfrontation zum BJV sucht - wenn er auch von seinen Argumenten überzeugt ist. Die Rolle des ÖJV in der Jagd lasse sich vielleicht mit der Rolle der Grünen in der Politik vergleichen. So wie sie bewirkt haben, dass auch die etablierten Parteien den Umweltgedanken stärker in ihren Programmen berücksichtigt haben. So möchte der ÖJV Vorstellungen einer ökologisch geprägten Jagd in Denken und Handeln von Jagdgenossen und konservativen Jägern verankern. Eine Idee, die dem neuen oberfränkischen ÖJV-Vorsitzenden ganz gut gefällt.