Sein Jahr in Südafrika war schon ein Abenteuer. Aber nun ist Michel Schnabel, Absolvent des Neustadter Arnold-Gymnasiums und jetzt Arabisch-Student, nun mittendrin in einem der Brennpunkte der Weltpolitik. Michel studiert in Kairo und erlebt dort die Unruhen rund um Präsident Mursi hautnah mit. Das Tageblatt hat ihn in Nordafrika erreicht und sich mit ihm über die Situation in Kairo unterhalten.

Was machst Du derzeit in Kairo und wo bist Du untergebracht?
Michel Schnabel: Ich habe gerade einen siebenmonatigen Intensivkurs in Arabisch begonnen. Eigentlich wollte ich arabisch in Damaskus studieren, allerdings herrscht dort ein blutiger Bürgerkrieg, somit bleiben nicht mehr viele Optionen, wenn man authentisch arabisch lernen will. Anfangs wohnte ich bei einer ägyptischen Familie gegenüber des Präsidenten-Palastes, nun habe ich eine Langzeitlösung gefunden, und teile mir eine Wohnung mit einem Ägypter im Herzen Kairos.

Bekommt man im normalen Leben in der Stadt etwas von den Demonstrationen mit?
Normal sind die Demonstrationen auf einige wenige Gebiete begrenzt, wie den Tharir Platz oder die Al-Azhar Universität. Trotzdem kommt es öfter vor, dass sich ein paar hundert oder paar tausend Menschen versammeln und gerade dort eine Sitzblockade oder einen großen Chor bilden, wie es ihnen eben in den Sinn kommt. Wenn es doch einmal zu außergewöhnlichen Ausschreitungen kommt, dann riecht man hier und da noch das Tränengas aus der vergangenen Nacht, aber das ist außerhalb des Stadtkerns eher selten.

Wie ist Dein subjektives Gefühl der Sicherheit? Hast Du Bedenken, dass die Situation eskalieren kann?
Um ehrlich zu sein, muss ich zugeben, dass ich mich noch nie in einer Großstadt sicherer gefühlt habe, als in Kairo. Mir ist bewusst, dass die deutsche Medienlandschaft ein Bild von Chaos und Gewalt verbreitet, dem ist jedoch nicht so. Wenn man nicht bewusst an einem der Demonstrationszüge teilnimmt, welche zudem immer schon lange im Voraus angekündigt werden, hat man nichts zu befürchten. Eine Eskalation der Lage bezweifle ich stark. Wahrscheinlich ist der Alexanderplatz in Berlin wesentlich gefährlicher, als es irgendwelche dunklen Gassen in Kairo sind.

Wie gehen die Ägypter derzeit mit Ausländern um?
Der Tourismus und die vielen ausländischen Studenten sind ein essenzieller Bestandteil der ägyptischen Wirtschaft, deshalb wird man in brenzligen Situationen als Ausländer besonders fürsorglich behandelt. Gerade als Deutscher wird man von Ägyptern besonders bevorzugt. Neulich hat sich sogar ein Taxifahrer geweigert, mein Geld anzunehmen. Zu meinem Erstaunen setzen sich junge Menschen sogar intensiv mit der deutschen Geschichte auseinander.

Wirken sich die Demonstrationen auf die Versorgungslage aus?
Die einzige Sache die mir wirklich auf die Nerven geht, sind die Verkehrsprobleme. Nur wegen 20 bis 30 Leuten, die meinen, inmitten einer Kreuzung zu demonstrieren, um damit den Verkehr für ein paar Stunden zum Stillstand zu bringen, muss ich in der winterlichen Hitze dahin schmelzen. Was auf die Versorgungslage wirklich Einfluss nimmt und in vielen Bereichen zu handfesten Problemen führt, sind die Nachwirkungen der Revolution. Mancherorts sind Internetverbindungen sehr schwach, die Wasserversorgung in einigen Gebieten bricht ab und an zusammen und viele Ägypter beklagen sich regelmäßig, dass die öffentlichen Ämter nicht mehr so geregelt funktionieren, wie vor der Revolution.

Wenn Du mit Einheimischen sprichst: Wie denken die, dass es mit ihrem Land weitergeht?
Der Abgang von Husni Mubarak nach mehr als 30 Jahren war für alle überfällig, allerdings sehen viele Menschen die Wahl der "Muslim Brotherhood" als Farce. Die Bevölkerung wurde vor die Wahl gestellt, das alte Regime zu wählen oder die konservativen Muslime, die seit Jahren mit Parolen warben wie: "Islam ist die Lösung." Zum anderen hat die breite liberale Masse, die die Proteste angeführt hat, kaum eine Stimme auf politischer Ebene bekommen. "Die nächsten zehn Jahre werden finster. Hoffen wir mal, das es bei zehn Jahren bleibt", so jedenfalls schallt es von vielen Experten. Allerdings muss man Präsident Mursi auch etwas Zeit geben und sehen, wie weit er seine Versprechen einhält und nicht die Ziele der Revolution verkauft.

Hast Du einen Plan B, falls die Situation eskaliert? Sprich: Hast Du Kontakt mit der deutschen Botschaft oder so etwas?
Sobald ich Europa verlasse, trage ich mich in eine Liste des Auswärtigen Amtes ein. So hält einen die deutsche Botschaft im jeweiligen Land per E-Mail auf dem Laufenden. Ich sehe dies jedoch mehr als Belustigung, da deutscher Sinn für Recht und Ordnung in Afrika relativ sinnlos ist. Falls die Situation jedoch eskalieren sollte, kann ich natürlich jederzeit auf die hervorragenden Ressourcen der deutschen Botschaft zurückgreifen. Leider bin ich kein Freund von Plänen, vielleicht fange ich damit an, wenn ich Rentner bin. Falls mir Kairo jedoch entgegen aller Tendenzen zu langweilig werden sollte, werde ich wohl Palästina und Israel besuchen.