Wenn vom Turm der Stadtkirche St. Georg in Neustadt der Klang der Glocken die Gläubigen zum Gottesdienst ruft, dann schwingt darin der Ton einer Jahrhunderte alten Geschichte mit. Es ist die Geschichte vom Schicksal dieser Glocken, die bis heute Christen in der Stadt anrührt. Grund genug, sie anhand einer Ausstellung zu erzählen, die jetzt in der Kirche zu sehen ist.
Im Grunde wird die Geschichte nicht neu, sondern wieder erzählt. Pfarrer Michael Thein, der historisch interessierte Klaus Engelhardt und der damalige Kantor Ulrich Greiner haben sie bereits in den 90er Jahren mit einer eindrucksvollen Dia-Schau erzählt. Aus diesen Dias jetzt eine Ausstellung mit Bildern und erklärenden Texten zusammenzustellen, war die Idee von Horst Gundel. Hintergrund sind Jahrestage. Davon gibt es gleich drei, die wichtige Punkte im Schicksal der Neustadter Glocken markieren.


Der erste Wechsel

Doch der Reihe nach. Man schrieb das Jahr 1518 als zum ersten Mal Glocken auf den Turm der Kirche St. Georg gehievt wurden, der damals nicht da stand wo er heute steht. 1787 erwies sich der Turm als einigermaßen baufällig. Er musste umgebaut werden. Die Glocken waren ebenfalls schon beschädigt. So entschloss sich die Gemeinde damals, sie umgießen zu lassen - um, nicht neu! Die Arbeit übernahm der Glockengießer August Appel aus Coburg.
Bis 1839 tönten nun diese Glocken über die Stadt. Dann wütete der verheerende Stadtbrand, der auch das Gotteshaus nicht verschonte. Die Glocken stürzten vom Turm und zersprangen. Als am 10. November 1847 - also vor fast genau 170 Jahren - wieder Glocken auf den Turm der wieder aufgebauten Kirche gezogen wurden, waren diese aber keineswegs komplett neu. "Man hatte alle Teile zusammengeklaubt und diese wurden wieder mit eingeschmolzen und für die neuen Glocken verwendet", erklärt Horst Gundel.
Doch damit endet die Geschichte nicht, die der Ausstellung den Namen "Glockenschicksale" verschaffte. Es war das Jahr 1942. Im Dritten Reich wurde nach Metall gesucht, dass für die Kriegsmaschinerie gebraucht wurde. Der Blick viel auf die Glocken in den deutschen Kirchtürmen.


Schwere Teile

Helmut Scheuerichs Buch "Neustadt im 20. Jahrhundert" ist zu entnehmen, dass die Glocken zwischen dem 16. und 21. Februar 1942 (vor 75 Jahren) abgenommen wurden. Es sei ein schwieriges Unterfangen gewesen, denn die große Glocke wog immerhin 24 Zentner. Mit Pferdeschlitten wurden sie zur Spedition Fischer gefahren und dort gelagert. Die Neustadter mögen schon Hoffnung geschöpft haben, sie würden verschont bleiben. Denn es dauerte bis zum 23. Februar 1943, ehe die Glocken von St. Georg nach Hamburg verfrachtet wurden. Übrigens wurden auch die Friedhofskirche und St. Ottilia nicht verschont. Innerhalb des Reichsgebietes kamen so laut Scheuerich rund 47 000 Glocken zusammen.


Der Schmelze entganen

Erst nach dem Krieg wurde herausgefunden, dass die Neustater Glocken nicht mehr eingeschmolzen wurden, sondern noch immer in Hamburg auf einem so genannten Glockenfriedhof lagen. Es muss ein ziemlicher Aufwand gewesen sein, sie zurück zu bekommen. Doch es gelang. Am 9. November 1947 (vor 70 Jahren) hatten sie die Neustadter wieder und sie wurden sehr feierlich an ihren Platz zurückgebracht. Bis dahin läutete nur die kleinste der drei Glocken zum Gottesdienst. Die hatte man der Kirche gelassen.
Horst Gundel findet es bemerkenswert, dass nach all diesen Wirren, heute Glocken in Neustadt erklingen, in denen noch immer das Material der allerersten Glocken von 1518 mitschwingt, das und eine schon bewegende Geschichte, die in der neuen Ausstellung noch bis zum ersten Advent erzählt wird. Die gezeigten Fotos sind nach der Digitalisierung der Diaschau von 1997 erstellte Abzüge. Dazu gibt es eine ganze Reihe erläuternder Texte.