Einem ungeübten Auge würde er vermutlich noch nicht einmal auffallen und doch kann er großen Schaden anrichten: Der Hochleistungsmagnet ist kaum größer als eine Ein-Cent-Münze, wird er aber an der richtigen Stelle an einem Geschwindigkeitssensor in einem Lkw angebracht, so verhindert sein Magnetfeld die Übermittlung der Fahrtbewegung des Fahrzeugs. Der Leiter der Speditionsabteilung eines Neustadter Unternehmens muss sich seit Montag vor dem Landgericht Coburg verantworten, weil er unter anderem diese Methode mutmaßlich angewandt hat, um von ihm angeordnete Übertretungen der gesetzlichen Lenk- und Ruhezeiten seiner Lkw-Fahrer zu vertuschen.

Im Mittelpunkt des zweiten von insgesamt 20 Verhandlungstagen stand der Ermittlungsprozess, in dessen Verlauf sich die Anschuldigungen gegen den Angeklagten manifestiert hatten. Deshalb war einer der ermittelnden Polizeibeamten und ein IT-Sachverständiger geladen, um den genauen Ermittlungshergang zu rekonstruieren.


Eine zweite Fahrerkarte entdeckt

Laut Aussage des Polizeibeamten habe alles mit einer routinemäßigen Kontrolle eines Lkw im Jahr 2014 angefangen. Dabei sei ihm aufgefallen, dass die vorgeschriebene tägliche Lenkzeit von insgesamt neun Stunden überschritten wurde, sagte der Beamte. Nach näherer Durchsicht der vom Fahrtenschreiber aufgezeichneten Daten habe er dann bemerkt, dass in den Fahrtenschreiber nicht nur die Fahrerkarte des kontrollierten Lkw-Fahrers eingelesen wurde, sondern in ungewöhnlichen Abständen auch eine zweite Fahrerkarte. Da der Wechsel scheinbar willkürlich und ohne zwischenzeitliche Auf- oder Abladevorgänge erfolgt sei, habe er eine missbräuchliche Verwendung der zweiten Fahrerkarte vermutet.

Und er sollte Recht behalten: Die zweite Fahrerkarte war tatsächlich als verloren gemeldet worden und fand sich schließlich beim beschuldigten Lkw-Fahrer wieder. Für den Polizeibeamten wäre der Fall an dieser Stelle beendet gewesen, wäre der Fahrer wenig später nicht für eine ausführliche Aussage ins Präsidium zurückgekehrt, bei der er von weiteren illegalen Vorgängen in der Firma berichtete.


Angeklagter wurde abgehört

In Absprache mit der Staatsanwaltschaft seien dann der E-Mail-Verkehr und sämtliche Telefongespräche des Angeklagten abgehört worden. Da etwa 400 bis 600 Gespräche pro Tag abgehört wurden, glich die Analyse der Telefondaten der Suche nach einer Stecknadel im Heuhaufen - und doch wurden die Beamten fündig: In einigen Telefongesprächen sprach der Angeklagte von der Verwendung zweiter Fahrerkarten oder den eingesetzten Hochleistungsmagneten. Die Beamten hörten zudem Streitgespräche zwischen dem Angeklagten und Fahrern, die sich partout weigerten, die angeordneten Gesetzesübertretungen durchzuführen. Der Angeklagte sei bei diesen Gesprächen nicht aggressiv geworden, sei aber beharrlich geblieben und habe die Bedenken seiner Untergebenen bewusst ignoriert. Der befragte Polizeibeamte erinnerte sich auch an Gespräche, in denen er eine akute Gefährdung des Straßenverkehrs vermutete. In einem Gesprächsverlauf habe ein Lkw-Fahrer über starke Müdigkeit geklagt, sei vom Angeklagten aber dazu aufgefordert worden, dennoch weiterzufahren. "Da habe ich in den folgenden Stunden gehofft, dass wir nicht die Nachricht bekommen, dass der Lkw-Fahrer mit seinem Fahrzeug verunglückt ist", sagt der befragte Polizeibeamte.

Neben den Telefonaten ist es auch möglich, die Verwendung eines Magneten durch Schleifspuren am Sensor nachzuweisen oder durch den Vergleich der Daten vom Fahrtenschreiber und der GPS-Daten der zur Koordination der Fahrten verwendeten Internetdienste einer österreichischen Firma. Wie der IT-Sachverständige erklärte, könne man erkennen, dass der Fahrtenschreiber keine Fahrzeugbewegung aufzeichnete, das Programm zur Fahrtkoordination aber trotzdem eine Fahrzeugbewegung registrierte.


Der Angeklagte sagte nichts

Welche Erkenntnisse sich aus den gewonnen Daten noch erschließen lassen, wird der IT-Sachverständige im Laufe des Verfahrens in einem detaillierten Gutachten darlegen. Auch der Polizeibeamte wird zu konkreten Einzelfällen weiter befragt werden. Der Angeklagte äußerte sich auch weiterhin nicht zu den ihm angelasteten Taten. Wenn an den weiteren Verhandlungstagen auch betroffene Lkw-Fahrer ausgesagt haben und alle Materialien ausgewertet wurden, wird das Urteil gegen den Angeklagten im September gefällt.