Noch ist der neue Stadtrat nicht im Amt. Aber es wird heftig verhandelt - nicht nur bei den großen Fraktionen. Auch die kleinen schmieden Bündnisse. Wenn zum Beispiel der Coburger Stadtrat nur drei Mitglieder in den Theaterausschuss entsenden darf, die CSB aber weiterhin darin vertreten sein wollen, dann brauchen sie Partner. Dafür verhelfen die CSB im Gegenzug einer anderen Fraktion zum Sitz im Bau- und Umweltsenat.

Die SPD-Fraktion hat solche Probleme nicht - sie ist die größte und überall dabei. Trotzdem wirkt sie verunsichert: Über 24 Jahre konnte sie sich darauf verlassen, dass Oberbürgermeister Norbert Kastner im Zweifelsfall die Dinge regeln und sagen würde, wo's langgeht. Doch der künftige OB Norbert Tessmer arbeitet anders: Er lässt ein Dreiergremium im Namen der Fraktion verhandeln, und irgendwie steht nun alles im Nirgendwo. Oder doch nicht?

Stabile Mehrheiten

Tessmer jedenfalls ist gewillt, mit der CSU eine neue Beziehung einzugehen, die stabile Mehrheiten im Stadtrat garantieren soll. Denn dann, sagt er, sei es Coburg stets am besten gegangen. Wenn die zwei Großen sich einig waren. Gut, Tessmer kam zu einer Zeit in den Stadtrat, als die Lager noch eindeutig waren und man sich vor allem stritt: Der vormalige OB Höhn (parteilos) mit Zweitem Bürgermeister Eduard Reichardt (ursprünglich CSU, dann Freie Wähler), CSU gegen SPD und Dritter Bürgermeister Rolf Forkel (SPD) ohne Chance.

All diese Namen sagen Ihnen nichts mehr? Daran können Sie ermessen, wie lang die Ära Kastner wirklich war. Nun ist sie fast vorbei, mit einem unschönen Krawall kurz vor Schluss. Genossen und andere Stadträte rätseln, warum Norbert Tessmer als Zweiter Bürgermeister die Punkte "Altoberbürgermeister und Ehrenbürgerwürde" von der Tagesordnung der nichtöffentlichen Stadtratssitzung am Gründonnerstag nahm. Die CSU hatte vorab signalisiert, dass sie der Ehrenbürgerwürde für Kastner nicht zustimmen würde. Aber sie hätte es nicht verhindern können - die erforderliche Mehrheit wäre doch gegeben gewesen?!

Aber hätte es Kastner gefallen, nur von einer Mehrheit, aber nicht von der überwältigenden Mehrheit zum Ehrenbürger ernannt zu werden? Oder wär's ihm am Ende wurscht gewesen? Ehrentitel ist Ehrentitel, ob's einigen in der CSU und anderen Gruppierungen nun passt oder nicht.

Seinen Brass auf die CSU hätte Kastner am Abend nach der Stadtratsitzung so oder so loswerden können. Da muss es bös' geraucht haben im Karton, wie zu hören ist, weil Kastner die ausscheidenden CSU-Stadträte nicht sehr höflich würdigte, um es vornehm auszudrücken. Manche sprechen von "Eklat", und Norbert Tessmer verzog sich vorzeitig. Hatte er nicht immer gesagt, dass er sich in 24 Jahren nie mit Kastner gestritten habe? Es sieht so aus, als habe es nun das erste Mal gegeben.

Von Liebesheirat kann keine Rede sein

Wie auch immer: Die SPD wirkt nach dem Nein der CSU zu Kastners Auszeichnung doch leicht verunsichert, und wie vor jeder Ehe gibt es ein oder zwei, die vor der Verbindung warnen oder was Besseres in Aussicht stellen. Von Liebesheirat kann jedenfalls nicht die Rede sein, von Vernunftehe womöglich auch nicht, und Zweckbündnisse lassen sich immer und jederzeit auch mit anderen schließen.

Vielleicht wäre es einfacher, wenn die zukünftigen Partner - in diesem Fall SPD und CSU - ein gemeinsames Ziel formuliert hätten. "Haushaltskonsolidierung unter Wahrung der gegebenen Sozial- und Bildungsstandards" oder so was. Hat man noch nicht gehört. Dabei rühmt sich Tessmer seines aufgabenorientierten Führungsstils. Befehl und Gehorsam seien seine Sache nicht, sagt er.

Vielleicht sollte er das mal seinen SPD-Stadträten sagen.