Ferdinand Lepcke ist "ein viel zu wenig beachteter Künstler", muss der Direktor der Kunstsammlungen, Klaus Weschenfelder, feststellen. Heute wird die erste umfassende Ausstellung mit Werken des in Coburg geborenen, dann in Berlin etablierten Künstlers auf der Veste eröffnet. Und wer die etwa 35 nach durchaus aufwendiger Forschungsarbeit - geleistet durch den Museologen Nicky Heise - hier versammelten Originalskulpturen gerade auch im Vergleich mit 20 Werken anderer zeitgenössischer Künstler betrachtet, kann gleich gar nicht mehr verstehen, warum einem der Künstlerstars der Kaiserzeit später so wenig Beachtung geschenkt wird.

Die Coburger kennen ja Lepcke, begegnen ihm an verschiedenen Standorten in der Stadt, der dramatische Sintflutbrunnen im Rosengarten selbstverständlich, die "Bogenspannerin" in der Bahnhofsstraße, "Phryne" im Kleinen Rosengarten etwa, was nicht heißt, dass diesen Bildwerken groß Aufmerksamkeit geschenkt würde. Und dass in den "Städtischen Sammlungen Coburg" eine Reihe wunderbarer Werke im Depot ruhen... Jetzt immerhin kommen sie ans Licht, an ein sinnfällig und aufschlussreich in gut gegliederten Zusammenhängen beleuchtendes Licht.
Dazu gibt es eine von Nicky Heise, Klaus Weschenfelder und Susanne Kähler vom Kunstgussmuseum Lauchhammer, in dem die Ausstellung ab Mai gezeigt wird, verfasste Monografie zu Lepcke samt Werkverzeichnis. Ferdinand Lepcke - eine (Wieder-)Entdeckung, möchte man fast sagen, gerade auch für Coburg.

Er lieferte, was man wollte

Durch Gliederung der Schau und Vergleich, etwa mit Skulpturen von Franz von Stuck (1863 - 1928), Fritz Klimsch (1870 - 1960) und Gustav Eberlein (1847 - 1926), wird wie nebenbei auch die kunstgeschichtliche Stimmung der Zeit heraufbeschworen. Das ist sehr spannend.
Lepcke war ein auch wirtschaftlich sehr erfolgreicher Künstler seiner Zeit, seine Bronzegüsse nach Gipsmodellen wurden immer wieder in unterschiedlichen Größen gefertigt, handlich für den Schreibtisch, in Salonhöhe für das kunstsinnige Bürgerhaus bis zum großen Format für den öffentlichen Raum. Lepcke schwang ungebremst mit von den heroischen Kriegerdenkmälern, die der Identitätsfindung des jungen Reiches dienten, bis zu Grabmälern und zahlreichen Büsten als Auftragswerken. "Lepcke gab, was man von ihm wollte", berichtet Klaus Weschenfelder.
Doch auch die wenigen noch vorhandenen, nicht vom Krieg verschlungenen Werke dieser Kategorie zeugen von handwerklicher Meisterschaft und künstlerischer Tiefe. Die für den Viktoriapark in Berlin-Kreuzberg 1898 geschaffene Hermenstele Friedrich Rückerts reicht ohnehin schon wieder weit über den der Zeit gefälligen Gestus hinaus.

Ein neues Frauenideal

Und dann sind da die "idealistischen", also frei geschaffenen Bronzen Lepckes. Da entwickelte er einen neuen Frauentyp, schlank mädchenhaft, der ja ganz heutigen Idealen entspricht. In seiner zwar plastisch greifbar lebendigen, gleichzeitig aber reduzierten, klaren Form weist er weit über die einzelne Figur in einen abgeklärten Zustand, der nicht mehr das klassische Ideal ist, sondern etwas Neues in eigener Aura, für das man vielleicht gerade heute wieder Sinn entwickeln könnte.
Jedenfalls sind "Eva mit der Schlange", die Schreibende, die Lauschende in einem hochkonzentrierten, ruhenden Status, nah und fern, frei von irgendwelchen "Geschichten". Sie sind.

Wunderbare Tanzende

Und dann ist da zudem eine unglaubliche Figur, die Tanzende, die auch diesen Zustand sprengt, in ungeheurer Emphase in die Welt springt, Leben pur. Was hätte dieser Mensch, der Coburg, obwohl schon mit vier Jahren weggezogen, immer verbunden blieb und der Stadt einiges hinterließ, noch hervorbringen können? Oder wäre er willig aufgegangen im nachfolgenden Ungeist? Diese Entscheidung blieb ihm erspart durch frühen Tod 1909 im Alter von erst 42 Jahren. Uns blieb ein in seiner Schönheit noch zu entdeckendes Werk, eine Schönheit, zu der wir erst wieder finden müssen.