Geschichtsunterricht kann bisweilen langweilig klingen, wenn er aus trockenen Fakten und Daten besteht. Geschichtsunterricht kann aber auch ganz einfach klangvoll sein - wie beim Gastspiel des Wehrbereichs-Musikkorps Erfurt in Rödental. Denn das Programm beim Benefiz-Konzert in der Franz-Goebel-Halle erweist sich als geschickt arrangierter musikalischer Streifzug durch die jüngere deutsche Geschichte. Von den napoleonischen Kriegen über die Einigungskriege in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis hin zur friedlichen Revolution des Jahres 1989 und dem Ende der deutschen Teilung spannt sich der Bogen.


Zwischen Märschen und Filmmusik

Märsche und Ouvertüren, Walzer und Filmmusik liefern den Soundtrack dieser Zeitreise, die mit einer pompösen Fanfare zum Auftakt aufwartet - dem Beginn der Tondichtung "Also sprach Zarathustra" von Richard Strauss. Auch in dieser Fassung für ein symphonisches Blasorchester vom Zuschnitt eines Musikkorps büßt dieser symphonische Hit nichts an Effekt ein und wird zur Huldigung an den Komponisten, dessen 150. Geburtstag die Musikwelt in diesem Jahr feiert.

"Mit Bomben und Granaten"

Das Musikkorps aus Erfurt erweist sich schon hier als bestens geschulter Klangkörper, der stets homogen und präzis im Zusammenspiel agiert. Während der folgende "Pariser Einzugsmarsch 1814" aus der Feder von Johann Heinrich Walch an die napoleonischen Befreiungskriege erinnert, führt Gottfried Piefke mit seinem "Düppel-Schanzen-Sturmmarsch" in die Zeit des deutsch-dänischen Krieges 1864, der auf dem Weg zur deutschen Einigung ausgetragen wurde. Ausgesprochen martialisch im Titel dann der Marsch "Mit Bomben und Granaten" von Benjamin Bilse, aus dessen Kapelle einst die Keimzelle der Berliner Philharmoniker hervorgehen sollte.

Doch so martialisch, wie die Titel tönen, klingen diese Märsche keineswegs - zumindest in den Ohren moderner Zuhörer. Dass zu den Klängen von Militärmusik freilich immer wieder auch Soldaten in Krieg und Tod geschickt wurden, gerät bei diesem Konzert dennoch nicht in Vergessenheit. Schließlich kommt der Erlös dieses Benefizauftritts dem "Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge" zugute.


"Leichte Kavallerie"

Zugleich freilich erinnert das Programm des Abends ganz bewusst auch daran, dass Musik Grenzen überwinden und Brücken zwischen den Kulturen schlagen kann. Grenzen überwinden - das meint in diesem Fall auch die Grenzen zwischen Militärmusik und Operettengenre. In Franz von Suppés Ouvertüre zu seiner ansonsten in Vergessenheit geraten Operette "Leichte Kavallerie" verbinden sich beide Sphären - das Kriegshandwerk und die leichte Muse.

Das aus Erfurt angereiste Musikkorps beeindruckt die zahlreichen Zuhörer in der Franz-Goebel-Halle auch durch seine stilistische Vielseitigkeit.

Symphonisches Blasorchester

Denn neben Märschen haben die Musiker auch Walzer und Filmmelodien, Schlager und Rock-Balladen im Gepäck. Klingt Musik zwangsläufig anders, wenn sie von uniformierten Musikern gespielt wird? Das Erfurter Musikkorps passt jedenfalls gar nicht recht ins Raster einer zackig auftretenden Militärkapelle. Dieses symphonische Blasorchester samt umfangreicher Schlagzeugabteilung ist hörbar gründlich geschult und sorgfältig einstudiert.

Titelmelodie zu "Schindlers Liste"

Doch gedrillt klingt das Spiel keineswegs. Am Dirigentenpult steht mit Oberstleutnant Roland Kahle ein musikalischer Leiter, der nicht den zackigen Kommandanten geben muss, um Autorität auszustrahlen. Kahle lässt die Musik vielmehr lebendig atmen, gibt den Melodien Raum, sich gesanglich zu entfalten. Bemerkenswert, über wie viele tadellose Solisten das Musikkorps verfügt. Das gilt ganz besonders für den Flötisten Benjamin Ott, der das dreisätzige "Concertino Classico" von Philip Sparke mit schönem Ton und flinker, unangestrengt wirkender Virtuosität musiziert. Das gilt aber auch für diverse Saxofonisten, Trompeter und Posaunisten, die immer wieder mit kurzen Solostellen hervortreten.


"Schindlers Liste"

Auch eine Gastsolistin hat das Musikkorps mit nach Rödental gebracht - die Geigerin Kim Leonores, die zwei effektvolle Programmnummern mit großem Nachdruck beisteuert - die melancholische Titelmelodie aus der Filmmusik zu "Schindlers Liste" aus der Feder von John Williams und ein Filmmelodien-Medley.

Mit zwei Zugaben bedankt sich das Musikkorps aus Erfurt schließlich noch für den begeistert ausdauernden Beifall des Publikums.