Die Geschichte eines Moralisten? Wollen wir die noch hören, sehen auf der Bühne des Landestheaters? Heute ist doch das Exzessive "angesagt". Chic sind der Sturz in die Extreme, die Leidenschaft, der Bruch mit den Tabus, wenn denn da so schnell noch welche herzuzerren wären.

Erich Kästners 1931 veröffentlichter Roman "Fabian - Geschichte eines Moralisten" sucht das eine im anderen. Das geht uns ja wohl mehr denn je etwas an. Und schon damals, im wilden Berlin der Endzwanziger, das dieser "Großstadtroman" mit autobiografischen Zügen beschreibt, war der moralisch fragende, distanzierte Blick auf die wüsten Verhältnisse nur mit Satire zu ertragen.

Schauspiel mit aktueller Brisanz, das gleichzeitig die voyeuristische Gier unsere Zeit bedient? Jedenfalls hat der bis letzte Saison als Dramaturg in Coburg wirkende Georg Mellert eine Schauspielfassung des gnadenlosen Romans verfasst, die Gastregisseur Torsten Schilling auf die Coburger Bühne bringt. Premiere ist am Samstag, 20. Dezember.

Vor zwei Jahren erst kam die unter dem Titel "Der Gang vor die Hunde" geschriebene Urfassung des Romanes heraus. Sie war aus Angst vor Zensur und im Gespür des Heraufziehenden um ein drastisch zynisches Kapitel und einige erotische Szenen gekürzt worden. Der Vorwurf pornografischen Schreibens blieb dem beliebten Kinderbuchautor trotzdem weit über die Zeit des Nationalsozialismus hinaus.

Tatsächlich gibt Erich Kästner in diesem Roman eine schonungslose Sittenschilderung Berlins, das zwischen Perspektivlosigkeit, Armut und Depression nach dem verlorenen Weltkrieg einerseits und wütender Zügellosigkeit, Verachtung aller Konventionen und sexueller Obsession den vielfach beschriebenen "Tanz auf dem Vulkan" zelebriert.

Der junge Intellek tuelle Dr. Jakob Fabian stürzt sich in die Welt der Bordelle und Unterweltkneipen, bleibt aber distanzierter Beobachter. Er fragt in der herrschenden moralischen Maßlosigkeit zwar nach der Richtigkeit des eigenen Handelns, verharrt aber in Untätigkeit, nach dem wie eh und je gängigen Motto "Was kann man da schon tun?".

Absurdes Ende

Er gerät in die Polarisierung zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten, bleibt aber nach wie vor passiv. Seine Liebe zu Cornelia verliert er ohne zu kämpfen, als sie zur Existenzsicherung beider den "Weg durch den Dreck" akzeptiert und die Geliebte eines Filmdirektors wird. Aus moralischen Gründen lehnt der mittlerweile arbeitslose Fabian die Anstellung in einem rechten Verlag ab.

In dem Moment allerdings, als der zum "Realisten" gewordene "zarte Ironiker" zur Einsicht kommt, dass jeder seinen Teil tun muss, statt sich auf die unbeeinflussbaren Verhältnisse zu berufen, nimmt das Geschehen für ihn eine absurde Wendung.

Der erstmalig in Coburg engagierte Gastregisseur Torsten Schilling nennt sich "ein Kind der DDR", das zunächst eine handwerkliche Ausbildung absolvierte. Als Elektriker, als Beleuchter, kam er zum Berliner Ensemble, wo er überall half, wo es nötig war. Es zog ihn auf die Bühne. Er studierte Kulturwissenschaften in Dresden und Theaterwissenschaften in Leipzig, arbeitete viele Jahre als Dramaturg am Theater Greifswald, nach der Wende als Regisseur am Landestheater Innsbruck, war Intendant des Jungen Theaters Göttingen, übernahm als freier Regisseur Produktionen an zahlreichen deutschsprachigen Bühnen und arbeitet heute gerne auch in genreübergreifenden Kunstprojekten oder mit gemischten Ensembles aus Laien und Profis. Schilling lebt in Berlin und Meran.

Schilling will mit dieser Coburger Produktion mehr als eine Sittenschilderung der explosiven 20er und 30er Jahre. Das opulente Szenengefüge und der bittere Humor Erich Kästners dienen ihm zur stets aktuellen Frage nach der Verantwortung des einzelnen, nach Sinn und Perspektive.

Zusammen mit Ausstatterin Gabriele Wasmuth will er die Groteske der Geschichte und der Beteiligten zeigen. "Schon Kästner hat ja die Figuren überzogen, extrem überhöht, bisweilen fast bis ins Comichafte", zeigt Schilling seinen Regie-Weg auf. Indem er sein Ensemble die markanten Szenen auf weitgehend freier, atmosphärisch betonender Bühne immer wieder suchen und neu einrichten lässt, will er die Ereignisse auf eine distanzierte Kunstebene heben. "Im Spaß der Überhöhung mag dann der Zuschauer selbst für sich erkennen", hofft Schilling. "Ich will die Leute nicht belehren. Die sind schon klug genug, selbst zu erkennen."

Landestheater Coburg "Fabian - Geschichte eines Moralisten", Schauspiel nach dem Roman von Erich Kästner, für die Bühne bearbeitet von Ge org Mellert. Inszenierung Torsten Schilling, Bühnenbild und Kostüme Gabriele Wasmuth, Dramaturgie Dirk Olaf Hanke. Darsteller: Ingo Paulick (Jakob Fabian), Frederik Leberle (Fabians Freund Stephan Labude und weitere Rollen), Anne Rieckhof (Cornelia und andere), Eva Marianne Berger, Stephan Mertl, Niklaus Scheibli, Katja Teichmann

Premiere Samstag, 20. Dezember, 19.30 Uhr, Großes Haus

Der Stoff Erich Kästners (1899 - 1974) Roman "Fabian - Die Geschichte eines Moralisten", die gekürzte Fassung des als zu freizügig eingestuften "Der Gang vor die Hunde", erschien 1931 bei der Deutschen Verlags-Anstalt. Er entwirft ein Gesellschaftsbild Berlins am Vorabend der Machtergreifung Hitlers. Das Buch galt den Nationalsozialisten als entartet; aufgrund dieses Romans wurden die Werke Erich Kästners 1933 unter dem Vorwurf der Pornografie verbrannt. Kästner ging es allerdings darum, die herrschenden Verhältnisse in ihrer tatsächlichen Proportionalität und Wirkung darzustellen.