Die Leute wollen ein bisschen Elend sehen, behauptet Rocky Gravo, der Conferencier einer zynischen Show, die es so tatsächlich gegeben hat, ein Tanzmarathon bis zum Umfallen. Der amerikanische Autor Horace McCoy (1897 - 1955) hat dessen Gnadenlosigkeit selbst erlebt am Santa Monica Pier, wo er als Rausschmeißer arbeitete. Das dort Erlebte inspirierte ihn zu seinem ersten Roman "They Shoot Horses, Don't They" aus dem Jahr 1935, 1969 verfilmt durch Sidney Pollack, beides Anklagen gegen die Gefühlskälte einer ganzen Gesellschaft bei gleichzeitiger Sensationsgier.

Es ist mehr als ein bisschen Elend, es ist der Zynismus der Kaltherzigkeit, von Ausbeutung und Betrug, den der Coburger Schauspielchef Matthias Straub diesem Roman entnommen und in ein nahegehendes, durchaus zeitkritisch gemeintes Theaterstück übersetzt hat. "Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss" hatte am Samstag Premiere im eher mäßig besuchten Großen Haus. Nach dem gut zweistündigen musikalisch und darstellerisch intensiven Spiel verharrte das Publikum in betroffenem, anhaltendem Beifall.

Es wird getanzt bis zum bitteren Ende - im Theaterstück allerdings zumindest anfänglich trotz des zu zeigenden Elends auch einfallsreich choreografiert von Julia Grunwald. Und aufs schönste musikalisch untermalt und begleitet von Antoinetta Bafas und Band, die im Hintergrund über der Bühne thronen.

Die 30er Jahre

Die mächtig, fast einschüchternd aufragende Tanzhalle hat Gabriele Wasmuth geschaffen. Carola Volles zeigt in ihrer 30er-Jahre-Ausstattung eindrucksvoll den Verfall der Tänzer im Laufe des mörderischen Wettbewerbes.

Die Aussicht auf 1500 Dollar Preisgeld lockt zahlreiche Hungernde in den Tanzwettbewerb. Immerhin gibt es auch regelmäßige Mahlzeiten. Es sind auf der Coburger Bühne Alexandra Weis als schon weitgehend hoffnungslose und somit böse gewordene Gloria und Thomas Kaschel als der gutmütige Robert, Eva Marianne Berger und Alexander Tröger als sich unablässig in Szene setzendes, auf Entdeckung hoffendes Schauspielerpaar, Niklaus Scheibli als lebenserfahrener ehemaliger Seemann Harry mit Kerstin Hänel als seiner zähen Partnerin Mary und Solvejg Schomers als schwangere Ruby mit Valentin Kleinschmidt als ihrem Mann James, in denen wir in kleinen, dichten Dialogen und in den Szenen hinter der Bühne die unterschiedlichen Schicksale erfahren. Einige bringen gesangliche Sondereinlagen. Das Coburger Schauspielensemble ist wahrlich zu vielem fähig.

Wahnsinn und Tod

Nur zehn Minuten Ruhepause nach jeder halben Stunde treiben die Akteure nach über 40 Tagen (geht das überhaupt?) in den Wahnsinn, in den Abgrund, was der Veranstaltungsleiter (Nils Liebscher) bis zum Schluss mit größtmöglichem Sensationseffekt zu verwerten sucht. Der Chor Unerhört unter Leitung von Antoinetta Bafas ist bei dieser Produktion vor allem mitspielend und tanzend gefordert. In den Pausenszenen hinter der Bühne sorgt er summend für filmische Atmosphäre.

Das Stück ist von der Konzeption her und in der packenden Umsetzung gnadenlos. So war es auch gemeint.

Landestheater Horace McCoy "Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss". Schauspiel nach dem Roman von Horace McCoy. Inszenierung Matthias Straub, musikalische Leitung Antoinetta Bafas, Bühne Gabriele Wasmuth, Kostüme Carola Volles, Choreografie Julia Grunwald, Dramaturgie Carola von Gradulewski.

Darsteller Nils Liebscher.

Stephan Mertl, Thomas Straus. Alexandra Weis, Thomas Kaschel, Eva Marianne Berger, Alexander Tröger, Solvejg Schomers. Valentin Kleinschmidt, Niklaus Scheibli, Kerstin Hänel, Marten Straßenberg, Boris Stark, Christa Fedder, Mitglieder des Chores Unerhört Band Antoinetta Bafas/Roland Fister (Piano), Dirk Rumig/Johannes Liepold (Blasinstrumente), Matthias Heublein (Bass), Ralf Probst (Schlagzeug)

Die nächsten Vorstellungen 26. Oktober, 2., 7., 15. November, 19.30 Uhr; 28. Oktober, 15 Uhr, 25. November, 18 Uhr