Der Einsturz der Autobahnbrücke bei Genua hat auch in Deutschland zu einer Diskussion über den Zustand der Infrastruktur geführt. Grundsätzliche sind sich Fachleute einig: Das Kontrollsystem im Land ist gut, aber es gibt durchaus Mängel in der Bausubstanz. Offiziellen Angaben zufolge stehen in Deutschland derzeit rund 140 000 Brückenbauwerke. Für einige davon ist auch der Landkreis als Bauträger verantwortlich. Melanie Dressel, Diplom-Ingenieurin und Mitarbeiterin im Fachbereich Tiefbau am Landratsamt, weiß am besten, wie es um die Brücken im Coburger Land bestellt ist - denn sie ist die "Brückenbeauftragte" im Landratsamt. Wie ist denn die Vorschriftenlage in Deutschland: Wie oft müssen Brücken auf ihren baulichen Zustand kontrolliert werden? Melanie Dressel: Maßgebend für die Prüfung von Ingenieurbauwerken im Zuge von Straßen und Wegen ist die DIN 1076. Sie schreibt vor, dass alle sechs Jahre eine Hauptprüfung durchzuführen ist und dabei das Bauwerk handnah zu prüfen ist. Drei Jahre nach der Hauptprüfung sind die Bauwerke einer einfachen Prüfung zu unterziehen. Was heißt denn "handnah prüfen" in der Praxis? (lacht) Das man so nah am Bauwerk ist, dass man überall mit der Hand hinkommt. In den meisten Fällen reicht bei uns da schon eine Leiter aus, bei größeren Brücken braucht man aber auch ein Untersichtgerät. Nur damit kommt man auch an die Unterseiten der Bauwerke heran und kann den Zustand gut einschätzen. Gibt es Länder in Europa, die unter Fachleuten einen besonders guten oder schlechten Ruf haben, was den Zustand der Infrastruktur betrifft? Auf diese Frage sage ich lieber nix. Das liegt nicht in meiner Zuständigkeit (schmunzelt). Wann haben Brücken so der allgemeinen Erfahrung nach das Ende ihrer Lebensdauer erreicht? Die theoretische Nutzungsdauer von Überbauten aus Beton liegt bei 70 Jahren. Die Unterbauten, also die Widerlager aus Beton, haben eine theoretische Nutzungsdauer von 110 Jahren.

Und wo steht Deutschland in dieser Qualitäts-Rangliste? Für den Landkreis Coburg kann ich versichern, dass sich der Zustand unserer Brückenbauwerke absolut sehen lassen kann. Ganz allgemein ist es derzeit aber schon so, dass der Bund und die Länder sehr viel Geld in den Erhalt und die Verbesserung der Infrastruktur investieren.

Einige der alten Landkreis-Brücken sind ja von der Tonnage her aus Altersgründen beschränkt - müssen die Verkehrsteilnehmer da nervös werden? Nein! Es gibt im Landkreis Coburg nur noch eine beschränkte Brücke. Dies ist die Brücke über die Rodach bei Gemünda im Zuge der Kreisstraße CO 19. Da gilt derzeit eine Beschränkung auf zwölf Tonnen. Die Brücke soll im kommenden Jahr erneuert werden. Bei dieser Brücke sollen natürlich nicht die schweren Lastwagen drüber fahren. Alle anderen Brücken mit weniger als 30 Tonnen Tragfähigkeit haben wir kontinuierlich in den letzten Jahren erneuert.

Um das Verhältnis zwischen Landkreis- und der Genua-Brücke ein bisschen zu klären: Was ist denn derzeit die größte/höchste Brücke, die im Eigentum des Landkreises ist? Die längste Brücke ist die Brücke im Zuge der neuen CO 13 über die Bahn. Sie hat eine Gesamtlänge von 78,50 Metern und eine lichte Höhe von 5,70 Meter. Etwas höher ist die Brücke im Zuge der CO 17 über die neue ICE-Trasse zwischen Unterwohlsbach und Lautertal. Diese hat eine lichte Höhe von 7,90 Metern, ist allerdings nur 51 Meter lang. Wir können daher von Glück sagen, dass wir nur kleinere Bauwerke in unserem Eigentum haben.