Er ist frei und doch gefangen: Weder Handschellen noch Gitter sind nötig, um Manfred W. bis an Ende seines Lebens zu fesseln. Er sitzt im Kerker der eigenen Vergangenheit, Alter und Krankheit haben den Mann hinfällig gemacht, der vor vierzig Jahren den Itzgrund bei Coburg in Angst und Schrecken versetzt hatte.

43 Jahres verbrachte der heute 70 Jahre alte Mann hinter Gittern, dessen sadistische Morde das kleine Dorf im oberfränkischen Itzgrund Ende der 60er Jahre bundesweit bekannt gemacht hatten. Manfred W. hatte 1968 und 1969 drei Mädchen im Alter von 14 bis 16 Jahren aus Kaltenbrunn und Umgebung ermordet. Das Motiv: sadistische Mordlust und sexuelle Befriedigung. "Es ging dem Mörder dabei nur um Dominanz, Macht, Kontrolle, Entmenschlichung, Vernichtung", schreibt der Kriminalist Stephan Harbort.

Keine letztgültige Sicherheit
Der Wissenschaftler beschäftigt sich mit Serienmorden und den Mustern, in denen sich viele Taten und Täter gleichen. In seinem Buch "Das Hannibal-Syndrom" (erschienen bei Piper) nimmt auch der Fall Kaltenbrunn breiten Raum ein. Harbort hat W. mehrfach in der Justizvollzugsanstalt Straubing besucht und interviewt. Dort verbüßte W. seine Haftstrafe, nachdem ihn das Landgericht Coburg 1971 für voll schuldfähig erklärt und zu dreimal "lebenslänglich" verurteilt hatte.

In den letzten Jahren hatte es ein juristisches Tauziehen um W. gegeben. Die Anwältin des Mädchenmörders hatte mehrfach versucht, seine Entlassung aus der Haft zu erwirken. Dagegen - gegen eine Entlassung ohne jegliche Auflage - hatte nicht zuletzt die Staatsanwaltschaft in Coburg Bedenken angemeldet. Es sei nicht mit letzter Sicherheit zu garantieren, dass von W. keine Gefahr mehr ausgehe, hatte der Leitende Oberstaatsanwalt Anton Lohneis argumentiert.

Auf der Grundlage neuer Gutachten hatte das Oberlandesgericht (OLG) in Nürnberg im Juni die letzte Beschwerde gegen die Haftentlassung verworfen und W. auf freien Fuß gesetzt. "Jeder Mensch hat nach unserem Rechtsverständnis ein Recht auf seine Würde, auch ein Mörder, wenn er seine Strafe verbüßt hat", erklärt Justizsprecher Michael Hammer, warum das OLG in Nürnberg die Türen für W. nach mehr als vier Jahrzehnten geöffnet hatte.

Freiheit mit Auflagen
Der Täter saß überhaupt nur so lange in Haft, weil die Justiz 1971 die besondere Schwere der Schuld betont hatte. Der Prozess vor 43 Jahren wurde von der Frage bestimmt, ob man W. als voll schuldfähigen Mörder oder als Geisteskranken behandeln sollte. Im ersten Fall lautet die Höchststrafe auf "lebenslänglich", was nach deutschem Recht aber nicht Haft bis ans Ende des Lebens bedeutet. Im zweiten Fall hätte es kein Urteil gegeben, sondern eine Einweisung W.'s in die Psychiatrie, dies dann aber wohl wirklich bis ans Ende seiner Tage. Derlei Diskussionen wiederholen sich bis heute in ähnlichen Fällen; zuletzt mit Blick auf die "nachträgliche Sicherungsverwahrung", die es 1971 noch nicht gab.

Die Freiheit, die der Mann, der eine ganze Region in Aufruhr versetzt hatte - bei seiner Festnahme wäre es beinahe zur Lynchjustiz gekommen -, bekommen hat, ist nicht grenzenlos. "Es gibt eine Reihe von Auflagen, denn eine Entlassung aus lebenslanger Haft erfolgt immer auf Bewährung", sagt Hammer.

Dauerhaft im Pflegeheim
Diese Auflagen und die mindestens fünf Jahre lange Bewährungsfrist sind es, die Anton Lohneis in Coburg zu dem Schluss kommen lassen, "dass die Entlassung von Manfred W. schon in Ordnung gegangen ist". Es bestehe wohl nicht im geringsten die Gefahr, dass W. nach Kaltenbrunn oder auch nur nach Franken komme. "Der Mann ist alt und krank und kann ohne fremde Hilfe kaum einen Schritt gehen."

W. wird wohl dauerhaft in einem Pflegeheim leben müssen - irgendwo in Mittelbayern, wo genau, ist weder in Nürnberg noch in Coburg zu erfahren. W. soll seine letzten Lebensjahre in Ruhe verbringen können, sofern es bei einer solchen Vergangenheit Ruhe geben kann.

Ruhe herrscht auch in Kaltenbrunn, wo die Angehörigen des Mörders und seiner Opfer bis heute leben. Aber auch diese Ruhe ist trügerisch, denn die Taten W.s lasten wie ein Fluch über dem Ort. Kaum jemand mag darüber reden. Um W. kümmern sich Pfleger und Ärzte, der Lebensunterhalt des Mittellosen wird aus dem Sozialhilfetopf des Bezirks Oberfranken bestritten. Die Kaltenbrunner aber müssen mit dem Trauma W. alleine fertig werden. Lebenslänglich.