An großen Theatern wirken Wiederaufnahmen von Opern-Inszenierungen manchmal wie halbherzige Wiederbelebungsversuche. Man ahnt von Ferne, was der Regisseur dermal einst gemeint haben könnte und erlebt ansonsten oft reichlich hölzern agierende Akteure. Wie mag es da "La Traviata" am Coburger Landestheater ergehen? Fast drei Jahre stand die Produktion in der Regie von Aron Stiehl nicht mehr auf dem Spielplan. Viele Sänger haben das Haus am Schlossplatz inzwischen ebenso verlassen wie der damalige Dirigent Peter Tilling. Und selbst die Regieassistentin, die die Produktion damals betreut hat, ist nicht mehr in Coburg tätig.

Eindringliches Rollendebüt

Doch bei der Wiederaufnahme-Premiere präsentiert sich Giuseppe Verdis Meisterwerk szenisch verblüffend frisch und musikalisch sogar deutlich überzeugender als damals. Das beginnt schon am Dirigentenpult. Coburgs Generalmusikdirektor Roland Kluttig beweist sein souveränes Stilgefühl nicht nur in den jederzeit stimmigen Tempi, sondern auch mit seinem Gespür für die Balance zwischen dramatisch vorwärts drängenden Passagen und intensiv ausgeformten lyrischen Ruhepunkten. Das jederzeit engagiert musizierende Philharmonische Orchester folgt seiner Gestaltung ebenso konzentriert wie der von Lorenzo Da Rio neu einstudierte Chor.

Was macht eine gute Violetta aus? Ana Cvetkovic-Stojnic verfügt über einen schlanken Koloratursopran mit feinen lyrischen Qualitäten. Die junge Sängerin, seit Beginn der Saison neu engagiert am Landestheater, beweist bei ihrem Rollendebüt, dass gestalterische Sensibilität bei dieser Partie wichtiger ist als lautstarke vokale Durchsetzungskraft. Ihr gelingt ein darstellerisch eindringliches, musikalisch vor allem in manchen leisen Passagen sehr intensives, geradezu anrührendes Porträt der Titelheldin Violetta Valéry.

Als Alfredo Germont erweist sich José Manuel als Verdi-Tenor, der jugendlich-dramatisches Potenzial mit lyrischem Timbre verbindet und zudem musikalisch wie darstellerisch intensiv zu gestalten weiß.

Begeisterter Beifall

Beeindruckend: der Bariton Michael Bachtadze als Alfredos Vater Giorgio Germont.
Durchweg gut besetzt sind zudem die vielen wichtigen kleinen Rollen, in denen es ebenfalls eine Reihe von Umbesetzungen gibt - die Mezzosopranistin Kora Pavelic überzeugt als Flora Bervoix ebenso wie der Tenor Dirk Mestmacher als Gaston, Jiri Rajnis als Marchese d'Obigny und der junge finnische Bassist Tapani Plathan als Dottore Grenvil.

Sorgfältig und einfühlsam wirkt die szenische Einstudierung dieser Wiederaufnahme durch Regieassistentin Sonja Hahn. Ihr gelingt es, den Grundgedanken von Aron Stiehls Regiekonzept sichtbar werden zu lassen - das Scheitern der Liebe von Violetta und Alfredo am unversöhnlichen Gegensatz von privatem Glück und gesellschaftlicher Konvention.

Am Ende gibt es ebenso begeisterten wie ausdauernden Beifall im gut besuchten Landestheater. Verdis "La Traviata" in Coburg - ein Muss für jeden Opern-Fan.


Verdis "La Traviata" kehrt zurück nach Coburg


Theater-Tipp Giuseppe Verdi "La Traviata" - 2. November, 15 Uhr; 15., 23. November, 21. Dezember, 4. Januar, 19.30 Uhr, Landestheater Coburg

Produktionsteam
Musikalische Leitung: Roland Kluttig
Inszenierung: Aron Stiehl
Bühnenbild: Jürgen Kirner Kostüme: Sven Bindseil
Choreinstudierung: Lorenzo Da Rio
Szenische Wiedereinstudierung: Sonja Hahn

Chor und Philharmonisches Orchester

In weiteren Rollen
Barone Douphol: Martin Trepl
Dottore Grenvil: Tapani Plathan/Michael Lion
Annina: Joanna Stark
Giuseppe: Kostas Bafas/Marino Polanco
Un Commissionario: Thomas Unger/Marcello Mejia-Mejia

Hintergrund Franz Liszt und Alexandre Dumas waren nur zwei ihrer vielen Liebhaber: Marie Duplessis, besser bekannt als die "Kameliendame", war ohne Zweifel die schillerndste Kurtisane des 19. Jahrhunderts. Als "die vom Weg Abgekommene", so die Übersetzung aus dem Italienischen, machte sie Verdi zu einer unsterblichen Opernheldin. Und obwohl ihr Leben als Schauspiel und Roman in ganz Europa bekannt war, schockierte die Opern-Uraufführung im März 1853 das venezianische Publikum. Erst in der revidierten Fassung von 1854 wurde "La Traviata" zum Erfolg.