"Sie war nicht ansprechbar, betrunken, unterkühlt und hat am ganzen Körper gezittert", erzählte der Halbbruder einer Zwölfjährigen aus Neustadt. Das junge Mädchen betrank sich am Nikolaustag 2013 mit einem Facebook-Bekannten bis zum Erbrechen und tauschte mit dem jungen Mann, den sie an jenem Abend zum ersten Mal traf, einen Zungenkuss aus. Später ließ der 20-Jährige die völlig Betrunkene trotz Temperaturen um den Gefrierpunkt hilflos und ohne Jacke auf einer Parkbank zurück. Dafür muss sich der Neustadter nun vor Gericht verantworten.
Zusammen mit zwei Freunden habe er seine Schwester gesucht, erklärte der Zeuge den Ablauf der Nacht. Für seinen saloppen Kleidungsstil - weißes Unterhemd und herabhängende Jeans, die die Unterhose sehen ließ - erhielt er von Richterin Susanne Hinz prompt eine Rüge: "So erscheint man nicht vor Gericht."

Der Freund, der das Mädchen nur deshalb in dem Park gefunden habe, weil sie Würgegeräusche gemacht habe, erinnerte sich noch, dass jemand weggerannt sei. Erkennen konnte er in der Dunkelheit aber niemanden. Eine Jacke habe sie nicht angehabt.

Eine Vergewaltigung konnte nicht entdeckt werden

"Am fraglichen Abend hat es stark geschneit", bestätigte der verantwortliche Hauptkommissar, der an diesem Tag Dienst hatte, "die Temperaturen lagen um den Gefrierpunkt." Eine Vergewaltigung, wie von der Familie zuerst angenommen, habe die Ärztin im Klinikum, in das das Mädchen eingeliefert worden sei, allerdings nicht bestätigen können. Festgestellt worden sei, dass die Zwölfjährige trotz ihres jungen Alters regelmäßigen Geschlechtsverkehr gehabt habe.

Vom Gericht auf seine Verantwortung im Haushalt angesprochen, antwortete der Angeklagte, der noch bei seinen Eltern wohnt: "Zimmer aufräumen und so." Nach dem Ende seiner Ausbildung im Juli habe er vor, eine Arbeit bei Brose zu beginnen. "Werden Sie ausziehen, wenn Sie mehr verdienen?", hakte Susanne Hinz nach. Das verneinte der Angeklagte: Er sei nicht fähig, einen Haushalt alleine zu führen. Auch deshalb plädierte Staatsanwältin Melanie Krapf auf Anwendung des Jugendstrafrechtes. Einerseits befinde sich der Angeklagte zwar in einer Ausbildung und verkehre altersgemäß, argumentierte sie, "doch insgesamt herrscht bei ihm dennoch eine eher jugendliche Wertehaltung vor". Strafrechtlich sei der junge Mann bisher noch nicht in Erscheinung getreten.

Verteidiger: nur fahrlässiges Verhalten des Angeklagten

Verteidiger Werner Kaiser ging lediglich von fahrlässigem Verhalten aus. Das Opfer sei mit der Alkoholaufnahme einverstanden gewesen, argumentierte er. "Und auch der Angeklagte hat ja Alkohol konsumiert und dabei nicht bemerkt, dass er die Bremse hätte ziehen müssen." Zudem habe die Zwölfjährige den Austausch der Zärtlichkeiten ja gewollt. Für ihn sei der Zungenkuss kein sexueller Missbrauch, die Geschädigte hätte da bereits weitaus intimere sexuelle Erfahrungen. "Mein Mandant ist ein gut behüteter Junge, der im Hotel Mama aufwächst."

Richterin Susanne Hinz sah das anders: Sie sprach den 20-Jährigen der gefährlichen Körperverletzung und des sexuellen Missbrauchs an Kindern schuldig. Weiterhin muss der Neustadter 80 Stunden Sozialarbeit leisten und ein Bußgeld von je 600 Euro an den Kinderschutzbund und das Diakonische Werk zahlen. "Als 20-Jähriger einer erst Zwölfjährigen harten Alkohol zu beschaffen und sie anschließend in ihrem hilflosen Zustand in der Kälte einfach im Park liegenzulassen", argumentierte sie, "da gehört so einiges dazu." Dass die Zwölfjährige Sex mit ihrem 15-jährigen Freund gehabt habe, lasse sie nicht als Argument gelten, schlussfolgerte sie. "Mag die Geschädigte auch erwachsener aussehen, als sie ist", erklärte sie, "sie konnte die Folgen nicht überblicken." Eben dafür sei das Gesetz da - um Minderjährige zu schützen. Hinz: "Wir können von Glück reden, dass da nichts Schlimmeres passiert ist."