Heinrich Schütz ist heute ein Komponist vornehmlich für Kenner. Selten stehen seine Werke auf den Konzertprogrammen, auch wenn kein Kenner die musikgeschichtliche Bedeutung seines Schaffens leugnen wird. Woran aber liegt das? Das dürften sich auch die zahlreichen Zuhörer in der Marienkirche am Karfreitag in Gauerstadt gefragt haben. Denn sie erlebten eine spannende, gründlich einstudierte Aufführung der Johannespassion von Heinrich Schütz.


Engagierte Interpretation

In thüringisch-fränkischer Koproduktion (siehe auch "Angemerkt" auf Seite 16) boten die Sängervereinigung Bad Rodach und die Stadtkantorei Hildburghausen eine jederzeit ebenso engagierte wie konzentrierte Interpretation der 1666 und damit nur sechs Jahre vor dem Tod des Komponisten entstandenen Johannespassion. Für die Aufführungen in Gauerstadt und in der Vorwoche in Hildburghausen hatte Sterzik eine eigene Fassung für Chor mit der Begleitung durch Streicher und Orgel geschaffen.


Worte in Musik übersetzt

Die Musik von Schütz fasziniert durch die Fähigkeit, Worte sehr anschaulich in Musik zu übersetzen und dadurch zu veranschaulichen. Das wurde auch in dieser Version sehr deutlich nachvollziehbar. Konsequent achtete Hildburghausens Kirchenmusikdirektor Torsten Sterzik deshalb auf prägnante Textverständlichkeit und sorgfältige Artikulation.


Unter seiner jederzeit umsichtigen Leitung bewährten sich Sängervereinigung und Stadtkantorei als konzentriert singender Klangkörper, der den gestalterischen Impulsen seines Leiters sehr aufmerksam folgte.


Das Collegium musicum Hildburghausen, das den instrumentalen Part übernommen hatte, überzeugte durch sein beachtlich homogenes, klanglich abgerundetes Musizieren.


Julia Lucas als Evangelist

Die Christusworte sang Arnd Morgenroth mit tragfähigem Bass, vom Dirigentenpult aus sang Torsten Sterzik die weiteren Bass-Partien (Pilatus, Petrus und Knecht) mit prägnanter Artikulation.
Im Zentrum aber stand die Sopranistin Julia Lucas, die den Part des Evangelisten mit schlanker, stets sicher geführter Stimme sang und dabei durch ihre intensive Textausdeutung in Bann zog. Begleiter an der E-Orgel: Markus Ewald. Er trug seinen Teil bei zum Gelingen dieser Aufführung in der Marienkirche - einem Gotteshaus, das im Kern mit seinem Chorturm sogar noch älter ist als die Johannespassion von Schütz.



Zur Geschichte der Marienkirche Gauerstadt



Hintergrund Die evangelisch-lutherische Pfarrkirche in Gauerstadt weist eine interessante Geschichte auf. Der älteste Teil ist der aus dem Mittelalter stammende Chorturm, in dem sich ein gotisches Kreuzgewölbe findet. Das große Langhaus, das heute den markantesten Akzent im Zentrum von Gauerstadt setzt, entstand in Jahren von 1797 bis 1800. Bauherr war einst Herzog Ernst Friedrich von Sachsen-Coburg-Saalfeld. Aus dieser Zeit stammt auch die historisch bedeutsame Orgel, die aus der Werkstatt der Coburger Orgelbauer Haueis und Hofmann stammt. Das historische Instrument verfügt über 23 Register, verteilt auf zwei Manuale und Pedal.