Eine kleine Rechenaufgabe zum Anfang: Wie viele Musiker braucht man eigentlich für ein Opern- und Operettenkonzert? Vielleicht 50 bis 60 samt Dirigent und Solist? Und wie viele, um Ennio Morricones opulente Filmmusik so richtig schwelgerisch aufblühen zu lassen? Wahrscheinlich mindestens ebenso viele.

Verwandlungskünstler

Manchmal aber reicht dafür sogar ein halbes Dutzend, wie das Gastspiel des Ensembles "Windspiel Consort" im Rathaussaal von Neustadt beweist. Die Musiker aus der Ukraine, angereist vom "Festival junger Künstler Bayreuth", präsentieren sich als Verwandlungskünstler. Giovanni Battista Pergolesi und ukrainische Volksmusik, Henry Purcell und Robert Stolz - der Blick ins Programm verspricht eine kontrastreiche Mischung, die allzu unbekümmert bunt erscheinen mag.

Bach auf der Blockflöte

Vermeintliche stilistische Stimmigkeit kann manchmal freilich ein schmerzlos verzichtbares Kriterium sein. Denn das Ensemble "Windspiel Consort" bringt mit seiner Musizierfreude, mit seiner Ausdruckskraft und seiner manchmal fast beiläufig anmutenden Virtuosität zusammen, was scheinbar gar nicht zusammen passen will.
Lässt sich zum Beispiel Bachs 3. Brandenburgisches Konzert für ein Blockflötenquartett adaptieren?


Schwungvoll und lebendig


Das "Windspiel Consort" beweist spielend, dass dies funktionieren kann. Schwungvoll, aber nicht gehetzt, reaktionsschnell im Zusammenspiel, lebendig atmend in der Phrasierung - so musizieren die Gäste aus der Ukraine dieses Konzert: beinahe so, als wäre diese Blockflötenbesetzung tatsächlich die Originalbesetzung.


Blumenduett


Oder das unverwüstlich populäre Blumenduett aus Leo Delibes Oper "Lakme": Für diese schwelgerische Gesangsnummer legen Anastasiya Arbuzova und Ivanna Klyuba einfach mal die Sopilka genannte ukrainische Schnabelflöte und die Bandura genannte Lautenzither beiseite und verwandeln sich in ausdrucksvoll dialogisierende Sängerinnen, begleitet von dezenten Klängen der Blockflöten.

Lieder aus der Ukraine

Im zweiten Teil präsentiert sich das Ensemble dann nicht nur optisch verändert mit folkloristischer Tracht, sondern auch mit einigen ausdrucksvoll gesungenen ukrainischen Liedern und virtuos musizierten Instrumentalstücken.
Dabei wechselt Oleg Dovgal als musikalischer Leiter des Ensembles scheinbar mühelos von der Sopilka über die Maultrommel zur Panflöte und wieder zurück.

Ausdauernder Applaus

Dazwischen aber bleibt noch Raum für Dvoráks Lied "Als die alte Mutter", in dem die Oboe (Oksana Korlyatovych) die Gesangsstimme übernimmt, oder für Paul Desmonds Hit "Take Five", der sich auch auf Flöten unvermutet überzeugend interpretieren lässt.
Nach ausdauerndem Applaus gibt's dann noch eine Zugabe - die Titelmelodie aus Ennio Morricones Filmmusik zu "The Mission".



Die Künstler und ihre Instrumente

"Ensemble Windspiel Consort" Die jungen Künstler aus der Ukraine unter Leitung ihres Professors Oleg Dovgal sind ausgezeichnete Solisten an ihren Instrumenten und im Gesang. Oleg Dovgal hat bereits viele Preise gewonnen.

Festival junger Künstler Bayreuth 1950 gegründet unter der Patronage von Jean Sibelius, hat das Festival bis heute über 25 000 junge Künstler aus aller Welt und aus ganz verschiedenen sozialen und politischen Systemen in Bayreuth versammelt. Das Generalthema in diesem Jahr: "Weltkultur. Weltmacht. Weltmusik."

Die Bandura genannte ukrainische Lautenzither wird mit beiden Händen gezupft und ähnlich wie eine Harfe gehalten. Erste Erwähnungen finden sich bereits im 6. Jahrhundert. Große Popularität errang das Instrument Anfang des 20. Jahrhunderts. Die weite Verbreitung der Bandura ging einher mit dem Erwachen des ukrainischen Nationalbewusstseins. Dies führte Mitte der 1930er Jahre zur Unterdrückung durch die Stalin-Diktatur. Mit dem Ende der Sowjetunion aber erlebt das Instrument eine neue Blütezeit in der Ukraine. Die Bandura existiert in verschiedenen Ausprägungen und mit unterschiedlich vielen Saiten (von etwa 20 bis zu mehr als 60 Saiten).

Sopilka ukrainische Schnabelflöte ohne Mundstück, bestehend aus einem hohlen Rohr mit sechs bis zehn Löchern.