Liebesqual, ach Liebesqual macht die Prinzen so schwach. Den goldenen vom Aschenputtel (Simon van Rensburg) mit Haartolle, der allerdings jede Frau schräg legt. Und den dunklen vom tragischen Rapunzelchen (Emily Lorini) mit den sexy Strumpfhosenbeinchen (Dirk Mestmacher). Die kriegen später übrigens alle Eheprobleme.

Der schwarze Prinz war vorher schon ein wahnsinns-geiler Wolf mit üppiger Brustbehaarung. Der unterhält sich zwar zunächst noch mit seiner Mahlzeit, wird dieses ewig energetisch trippelnde Rotkäppchen (Dimitra Kotidou, zum Fressen hinreißend) in seinem auch von anderen heftig begehrten roten Mäntelchen schon noch kennenlernen. Das Rotkäppchen führt dann ein blitzendes Messer mit sich, hat aber auch einen besinnlichen Moment, in dem es erkennen muss, dass es bei betreffender Szene im Wald abseits des Weges zwar "bedroht", aber halt auch "betreut" wurde.

Schuld an allem ist diese Hexe (Kora Pavelic, auch das macht sie herrlich), die hier aber auch nicht das bleibt, was sie traditionell sollte. Und zwischen allem irrt ein knuddeliger Bub, Hans aber so gar nicht im Glück (Marvin Zobel) herum, von seiner Mutter (Petra Gruber) nicht zu bändigen.

Man könnte seiten- und stundenlang so weiter erzählen, denn "Es war einmal" am Landestheater Coburg in einer nie dagewesenen Variante, dem Musical "Into the Woods" des amerikanischen Komponisten Stephen Sondheim, einer quergemixten, turbulenten, spaßigen, aber auch mit Lehren und Moralsprüchen so vollgestopften Variante, bis sie jedes solide deutsche Grimm-Märchen ad absurdum führt. Dass aber trotzdem alles schrecklich wahr ist, wie das in den klassischen Märchen so ist - wer wollte das bestreiten? Solch einer würde schon merken, wie die witzig vorgetragenen, aber dann halt doch wuchtig ernsten Mahnungen nachgehen. Alles dreht sich um die verdammte Wünscherei, das ewige Sehnen, Wollen, Gieren, die Unzufriedenheit im Menschen.

So in etwa und noch viel mehr, zusammengefasst auf der nachdenklichen Ebene, verläuft diese aufwendige neue Musiktheaterproduktion am Landestheater. Die kam am Samstag im endlich wieder einmal gut besuchten Großen Haus zur Premiere, bedacht mit lang anhaltendem Beifall für alle Beteiligten, vor allem aber für die Coburger Opernsänger, die auch im ungewohnten Musicalformat überzeugten.

Für die witzig einfallsreiche, ironische, manchmal so schön comic-hafte Inszenierung zeichnet der international renommierte Gastregisseur Joan Anton Rechi verantwortlich. Unablässig vergnügliche Tanzbeinchen in den raffinierten Rhythmen der Musik machte der gesamten Inszenierung Tara Yipp.

Stimmungsvoll

Den Wald, in dem wahrlich alles passieren kann und dann auch passiert, den zitierte Gabriel Insignares abstrahierend im tief scheinenden und gleichzeitig stimmungsvollen Einheitsraum auf die Landestheaterbühne. Sie lebt in nicht geringem Maße auch aus den wunderbaren Lichteffekten Patricia Dechantsreiters; in der Mitte der absolut unvermeidliche Ohrensessel, mit Niklaus Scheibli drin als Erzähler. Dem bleibt gar nichts anderes, als am Schluss mitzutanzen.

Die Kostüme für all die verrückten, aber jeweils durchaus tiefsinniger gezeichneten Figuren, die stammen ganz traumhaft charakterisierend von Sandra Münchow, mit rauschendem Blümchen-Ballkleid fürs Aschenputtel (Patrizia Margagliotta, mit zwei Alternierungen), in verräterischem Unterwäschen-Outfit bei der bösen Stiefmutter (Monika Tahal) und ihren niedlichen Töchtern (Luise Hecht, Eva Maria Fischer), mit gruseligem Weißhaar beim Geheimnisvollen Mann (Martin Trepl). Auf keinen Fall zu vergessen sind Jan Korab und Veronika Hörmann in ihren ebenfalls ständig geforderten Rollen als Bäcker und dessen Frau. Gabriele Bauer-Rosenthal gibt die Mutter Aschenputtels und die Stimmen von Großmutter und tödlich verärgerter Riesin im zweiten Teil.

Da muss allerdings die Anmerkung sein, dass sich das Stück nach der Pause etwas zieht und ohne die tragende Musik im Schauspielerischen verliert, was bei drei Stunden Spielzeit schon zu Buche schlägt. Bevor es dann zum besinnlichen, durchaus berührenden, mahnenden Ende kommt: Wähle deine Wünsche gut. Jede Tat wirkt fort. Das rührselige Lied "Du bist nicht allein" führt auch den Aspekt in sich: Deshalb stelle dich deiner Verantwortung.

Ein märchenhafter musikalischer Ausflug

V erzaubert und verdammt - bei so viel wirbelndem Märchenwind auf der Bühne, dem die Darsteller wirklich inbrünstig hingegeben sind, kommt man doch gar nicht dazu, vom Allerwichtigsten zu erzählen, der Musik, die erst dem Ganzen, das nichts als ein verrückter Gag sein könnte, Tiefe, Weite, Höhe gibt.

Dass wir erst jetzt darauf kommen, liegt aber auch daran, dass der musikalische Leiter Roland Fister sein delikates Kammerorchester, ausgewählt aus dem großen Philharmonischen Orchester des Landestheaters, so geschickt durch die intensive, mit vielen solistischen Passagen fordernde Partitur führt, dass die Darsteller mit größtmöglicher Verständlichkeit der vielfach witzigen und hintergründigen Reime stets im Focus bleiben, dass sich alles zu einer traumhaften Dichte verwebt.

In ihr wirken die schönen Melodien, die mitreißenden Rhythmen, die klangmalerischen, aber auch die klanglich herausfordernden Passagen ineinander zu einem großen einnehmenden Ganzen.

Herausfordernd für alle

Das mag für manchen Zuhörer nicht gleich in vollem Umfang erfassbar sein. Und dem großen homogenen Darstelleraufgebot (dazu zudem größtenteils aus dem eigenen Haus kommt) fordert dieses vielschichtige Stück Musiktheater gesangstechnisch ohnehin einiges ab. Was es - alle Achtung - solistisch wie in den wunderbaren, manchmal an mozartsche Bühnenraffinesse erinnernden Ensembles bei der Premiere weitgehend souverän bewältigte. Zudem klingen die Opernsänger und -sängerinnen natürlich und selbstverständlich, gar nicht opernhaft aufgestemmt.

Man könnte sich diese Produktion im zweiten Teil, der Fortsetzung der Märchen-Kompilation, durchaus geraffter vorstellen. Doch insgesamt bietet die Coburger Realisierung von Stephen Sondheims Märchenwelt vor allem auch einen mitreißenden Ausflug in eine reiche musikalische Welt. - Also: Ab in den Wald!

Landestheater Coburg Stephen Sondheim "Into the Woods". Musik und Songtexte von Stephen Sondheim. Deutsche Fassung von Michael Kunze. Musikalische Leitung Roland Fister, Inszenierung Joan Anton Rechi, Bühne Gabriel Insignares, Kostüme Sandra Münchow, Choreografie Tara Yipp, Licht Patricia Dechantsreiter. Dramaturgie Dorothee Harpain. Ausführende Niklaus Scheibli, Patrizia Margagliotta/Francesca Paratore/Laura Incko, Marvin Zobel, Petra Gruber, Jan Korab, Veronika Hörmann, Monika Tahal, Luise Hecht, Eva Maria Fischer, Martin Trepl, Dimitra Kotidou, Kora Pavelic, Gabriele Bauer-Rosenthal, Simon van Rensburg, Emily Lorini, Dirk Mestmacher, Philharmonisches Orchester Landestheater Coburg

Weitere Vorstellungen 11., 12., 14., 15. Dezember, 20 Uhr