Es ist angerichtet. Festlich gedeckt der Tisch, die Gläser poliert, der Wein entkorkt. Helen und Danny stoßen an auf ihr kleines, sauberes, wunderbar geordnetes Glück. Dann aber steht Liam, Helens Bruder, plötzlich im Zimmer: weißes T-Shirt, von oben bis unten mit Blut verschmiert, verstörter Blick, fahrige Bewegungen, gestammelte Erklärungen auf den Lippen.
Was ist passiert? Liam hat einen jungen Mann gefunden, der auf offener Straße überfallen und übel zusammen geschlagen worden war. Sagt zumindest Liam. Doch die Wahrheit, die angeblich ganze Wahrheit, ist viel brutaler - so brutal, dass Liam sich in immer neue fadenscheinige Erklärungen flüchtet, um diese Wahrheit nicht aussprechen zu müssen.

Immer näher zum Abgrund

So beginnt Dennis Kellys Schauspiel "Waisen", von Regisseur Michael Götz als Coburger Erstaufführung auf die Bühne der Reithalle gebracht.
Was ist Wahrheit? Was ist Schuld? Wer ist Täter und wer macht sich durch sein Schweigen, sein Wegsehen mitschuldig? Kellys Schauspiels stellt Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt - nicht in diesem Stück, nicht in der Wirklichkeit.
Verzweifelt wollen Helen (Philippine Pachl) und Danny (Frederik Leberle) ihr kleines Glück retten. Doch alles, was sie tun, um das Grauen draußen zu halten, treibt sie nur weiter hinein ins Verderben, immer näher zum Abgrund. Immer mehr verlieren sie den Boden unter den Füßen - und das ist in der Ausstattung Josef Frommwiesers wörtlich zu nehmen.


Symbolkräftig und abstrakt


Denn Frommwiesers Bühnenbild ist symbolkräftig und real zugleich, ohne plakativ zu geraten. Ein schlichter quadratischer Tisch und zwei blutig rote Stühle stehen auf einem Boden, der aus quadratischen Segmenten zusammengesetzt ist. Im Laufe des Stücks werden diese Segmente eines nach dem anderen demontiert aufgestapelt.
Kelly schreckt in seinem Schauspiel vor keiner Grausamkeit zurück, wenn er beschreibt, was Liam tatsächlich getan hat. Doch diese Bilder blutigen Hasses entstehen allein durch die Macht des Wortes im Kopf der Zuschauer, die an diesem Abend in ganz besonderem Maß auch Zuhörer sind.


Mit großer Genauigkeit am Text gearbeitet


Philippine Pachl, Frederik Leberle und Sönke Schnitzer agieren als Darsteller-Trio mit der Präzision eines bestens aufeinander eingespielten Kammermusikensembles - exakt und nuancenreich beeindrucken sie aber auch in der Charakterisierung der jeweiligen Rollen.
Regisseur Michael Götz, der mit "Waisen" bereits seine fünfte Coburger Regie vorstellt, hat offenkundig mit großer Genauigkeit am Text wie an der Personenführung gearbeitet. Im Zusammenwirken von sorgsam dosierter Mimik und Gestik mit nuancenreich differenzierter Sprache baut sich bis zum Schluss eine kaum erträgliche Spannung auf. Die Regie durchleuchtet die Figuren unerbittlich wie mit Röntgenstrahlen, ohne sie dabei zu denunzieren.

Rhythmus der Sprache

Michael Götz ist ein junger Regisseur, der bereits eine unverkennbar eigene Handschrift entwickelt hat. Er lässt sich unerschrocken ein auf den Text und beeindruckt immer wieder durch die Feinfühligkeit, mit der er seine Interpretation aus dem Text und dem Rhythmus der Sprache heraus entwickelt.

"Weil er mein Bruder ist"

Ist Liam ein Monster mit Babygesicht? Sönke Schnitzer spielt ihn mit großer Intensität und doch immer wieder auch mit vielen Zwischentönen als zutiefst verletzliche Seele, deren Hass aus Angst und Unsicherheit geboren ist. Frederik Leberles Danny ist die mit großer Genauigkeit gezeichnete Studie eines zutiefst angepassten Spießers, der zunächst um keinen Preis einen Konflikt mit der Obrigkeit riskieren will. Wie er schließlich aber doch gegen Gesetz und Moral verstößt, um sein kleines Glück zu schützen, spielt Leberle mit großer Präzision bis hin zum Erschrecken über die eigene Grausamkeit. Auch Helen ist bereit, fast alles zu tun, um ebenfalls ihr kleines Glück zu sichern, um ihren Bruder Liam zu schützen. Sie hat dafür eine entwaffnend schlichte Begründung: "Weil er mein Bruder ist." Philippine Pachl gelingt mit knappen, fast beiläufigen Akzenten das beeindruckend differenzierte Rollenporträt einer jungen Frau, die gewiss moralische Skrupel kennt, die letztlich aber doch den Schutz der eigenen Familie über alles stellt und am Ende genau deshalb doch alles verliert.
Mit ausdauerndem Beifall versucht sich das Premierenpublikum in der Reithalle am Ende aus dem Sog dieser ungemein intensiven, ebenso vielschichtigen wie verstörenden Inszenierung zu befreien.



Der Dramatiker Dennis Kelly und seine Interpreten


Vorstellungen "Waisen" -
Schauspiel von Dennis Kelly - 7., 16., 17. Februar, .8., 9., 10. März, 20 Uhr, Theater in der Reithalle Coburg

Produktionsteam Inszenierung: Michael Götz
Bühnenbild und Kostüme: Josef Frommwieser
Dramaturgie: Georg Mellert

Darsteller Helen: Philippine Pachl
Danny: Frederik Leberle
Liam: Sönke Schnitzer
Shane: Louis Gemmer / Paul Sagasser

Dennis Kelly, geboren 1968 in London, studierte Drama und Theater am Londoner Goldsmiths College. Sein Stück "Schutt" entstand 2002 im Rahmen des National Theatre Studio Programms für junge Autoren. Uraufgeführt wurde es im April 2003 in London; die deutschsprachige Erstaufführung war im März 2004 am Burgtheater (Vestibül) Wien. Gefolgt wurde "Schutt" von "Osama, der Held" und "Nach dem Ende", die beide 2005 uraufgeführt wurden. Die deutschsprachige Erstaufführung von "Nach dem Ende", für das Dennis Kelly den Meyer-Whitworth Award 2006 erhielt, fand im September 2007 am Deutschen Theater Berlin statt. 2009 wurde Kelly in der Kritikerumfrage von "Theater heute" zum besten ausländischen Dramatiker des Jahres gewählt.

Michael Götz ist seit 2010 als Regisseur und Regieassistent am Landestheater Coburg engagiert. Er hat an der Akademie für darstellende Kunst Ulm Regie geführt und war vor seinem Coburger Engagement bereits als Regieassistent am Hessischen Staatstheater Wiesbaden sowie am Berliner Ensemble tätig. "Waisen" ist seine fünfte Produktion am Landestheater Coburg. Michael Götz leitet auch die Late-Night-Reihe "Freistaat Coburg". Im Mai wird er mit Gerhardt Hauptmanns "Einsame Menschen" sein Regiedebüt auf der Großen Bühne geben.

Josef Rommwieser, geboren 1967 in Prien am Chiemsee, hat an der FH München bis 1994 Architektur studiert. Bereits während des Studiums begann seine Zusammenarbeit mit dem italienischen Regisseur Cesare Lievi, mit dem er zahlreiche Produktionen auf die Bühne gebracht hat, sowohl in Italien als auch an diversen deutschen Theatern, namentlich am Thalia Theater Hamburg und am Hessischen Staatstheater Wiesbaden. "Waisen" ist seine zweite Zusammenarbeit mit Michael Götz und die erste Produktion am Landestheater Coburg.