Kein Zweifel: Jörg Rheinländer hat Spaß an Mathematik. Und an seiner Arbeit. Denn die besteht zu weiten Teilen aus Mathematik: Tarifberechnungen, Risikoabschätzungen, Prognosen. Jörg Rheinländer leitet die Abteilung Aktuariat Komposit der HUK-Coburg. Aktuariat steht für Versicherungsmathematik; Komposit steht für Schaden- und Unfallversicherungen. Aufgabe der Abteilung: rechnen. Und sie rechnen dort mit allem.

Zum Beispiel mit dem Münchner Hagelsturm von 1984. Der ist für Versicherungsmathematiker immer noch das Maß aller Dinge. Welche Schäden sind bei einem solchen Ereignis zu erwarten, was werden sie kosten? Auch, wenn es in der Zwischenzeit zahlreiche weitere Hagelstürme gab, liegen noch heute den Berechnungen die Daten des Jahres 1984 zugrunde. Einkalkuliert sind dabei die Teuerungsrate und die Einführung des Euro, einkalkuliert sind auch neue Reparaturmethoden. All das liefert den Versicherungen eine Richtgröße für die Folgen eines solchen Sturms - auch, was die eigenen Gewinne angeht.

Aber solche Berechnungen sind nur ein Teil dessen, was Rheinländers 30-köpfiges Team kalkulieren muss. Zwei mal im Jahr berechnet die Abteilung die Tarife der Kfz-Haftpflichtversicherung neu. Was ein Autobesitzer bezahlt, hängt unter anderem davon ab, wie viele Jahre er schon ohne Unfall blieb, wie alt er ist, wo er wohnt, welche Marke und wie viel PS das Auto hat. "Wir rechnen dann im 20-dimensionalen Raum", sagt Rheinländer. Praktisch ist das nicht mehr vorstellbar, mit Papier und Bleistift auch nicht mehr zu bewältigen. Das tun Computer, und sie tun es immer schneller.

Dabei ist die Kfz-Tarifberechnung eine relativ neue Sparte der Versicherungsmathematik: Erst 1994 wurde die Regulierung des Marktes aufgehoben, ab da wagten sich die Versicherungen an Eigenkalkulationen. 1999 habe er in Coburg angefangen, erinnert sich Rheinländer. "Da wurde die Maschine mit Daten gefüttert, am Abend angeworfen, und am Morgen war's fertig." Die Rechner von heute sind schneller, die Daten noch mehr. Erst ab einer Million Daten, sagt Rheinländer, könne einigermaßen sicher berechnet werden, wie sich die Risiken verteilen. "Große Datenmengen sind ein Wettbewerbsvorteil", sagt Rheinländer.

Geschlechtsneutrale Tarife

Welche Altersgruppe eckt mit dem Auto häufiger an, in welchen Regionen ist die Zahl der Schäden besonders hoch? Dass nach Silvester und nach dem 1. Mai viele Fahrzeugbrände vermeldet werden, ist normal. Aber was passierte wo an diesem einen Tag im Februar, an dem 2012 die Kurve nach oben schnellte? "Wenn Sie wissen, wo sie Nachlässe geben oder Zuschläge machen können, bleiben die riskanteren Kunden weg", erläutert Rheinländer. Das macht die Prämien am Ende für alle billiger.

Die Aktuare dürfen alle möglichen Faktoren berücksichtigen, nur einen nicht mehr: das Geschlecht. Das entsprechende Gesetz gilt seit 22. Dezember 2012. Durch neue Vorschriften ändern sich die Berechnungsgrundlagen immer wieder, wenn auch nur im Detail und selten an der grundlegenden Struktur. Das "begleitete Fahren" war auch so ein Faktor, der einbezogen werden musste. In Zukunft gibt es vielleicht selbstfahrende oder satellitengesteuerte Autos. Welche Risiken kommen dann?

Fragen wie diese findet Rheinländer "spannend", auch, wenn er da noch keine große Datengrundlage hat. "Dann rechnen wir auch mal so", sagt er und wackelt mit dem nach oben gestreckten Daumen. Zum Beispiel, als bei der Hausratversicherung der Zusatz "durch defekte Waschmaschine beschädigte Wäsche" erfunden wurde. Da suchte Kati Geisler, die zuständige Aktuarin, lange nach einer Berechnungsgrundlage für Schadensrisiko und Tarif. Einfacher war es da schon mit der Einbruchdiebstahlversicherung für Schrebergärten: Wie viele Gartenhäuschen gibt es in Deutschland, wie oft wird eingebrochen? Zwei Zahlen, eine Formel - das war's.

Deshalb, betonen Geisler und Rheinländer, sei ihr Job durchaus kreativ. Und nichts für vergeistigte Mathematiker im Elfenbeinturm. "Unsere Leute müssen reden können", betont der Chef. Schließlich müssen sie anderen Leuten - auch den Kollegen anderer Abteilungen im Haus - erklären können, wie sie zu ihren Ergebnissen kommen.
Reden können, Humor haben: Im Aktuariat Komposit wird viel gelacht. Die Mitarbeiter kommen aus allen Ecken Deutschlands und aus dem Ausland: Thüringer, Sachsen, Schwaben, Hessen, dazwischen einige Coburger und Neustadter neben Kollegen aus China und Kamerun. "Das Interesse für Mathematik ist bei uns allen vorhanden", sagt Kati Geisler. Sie hat Wirtschaftsmathematik studiert, aber einige ihrer Kollegen kommen aus der Physik, der Biochemie oder aus der Betriebswirtschaft.

Jörg Rheinländer kommt dagegen aus der Theoretiker-Ecke: Nach dem Physikstudium promovierte der heute 44-Jährige in Mathematik zum Thema Zeitentwicklung großer quantenmechanischer Systeme. "Das war nicht von dieser Welt", sagt er selbst. Doch solche mathematischen Modelle sind auch für Versicherungen interessant: Um die Folgen des Klimawandels abzuschätzen, können sie sich nicht allein auf Statistiken verlassen, denn die bilden nur die Vergangenheit ab. Mathematik ermöglicht Prognosen.