Sie wollen nur schnell etwas an der Aldi-Kasse zurückgeben und rennen hartnäckig gegen die falsche Tür? Sie schminken sich frühmorgens und denken, das ist Ihr Gesicht, bis Sie, so gegen Abend, merken, das ist nur meine Schminke. - Wenn Sie derlei Irritationen häufiger heimsuchen, dann gehören Sie zu den "Anpassungsgestörten". Deren Zahl nimmt eindeutig zu, was kein Wunder ist angesichts des zunehmenden Wahnsinns auf sämtlichen Ebenen in dieser Gesellschaft.
Für alle noch nicht komplett von der Matrix absorbierten soll es im April zu einem kulturellen Ereignis kommen, das unter Umständen mehr hilft als verstört: Radio Influenza wird wieder aktiv, und zwar diesmal mit einem Film, "Impressionen Anpassungsgestörter" im Coburger Kino Utopolis. Und ein bisschen Drumherum, selbstverständlich, denn einer der Macher von Radio Influenza, Ahmet Özer, sagt's gleich: "Also ich... ich halt nich mein Mund."
Und eben, das isses. Johannes Titze und Ahmet Özer, zwei Coburger, zwei Freunde, wollten den Mund nicht halten angesichts besagten Wahnsinns, wollen aber auch nicht noch weiter mit dem Messer in die Wunden und rumrühren und so. Der eine, Titze, im Fernseh- und Filmgeschäft tätig und Vater dreier Kinder, der andere, Özer, eine wilde Biografie vom Maschinenbauer, Kernbohrer, Cowboy und er weiß selbst nicht mehr, was er schon alles gemacht hat. Beide mit Hang zum Künstlerischen, fragten sich, wie man sich und die Welt transformieren könne, wie man Einfluss gewinnen könnte, und riefen so um 2012 Radio Influenza ins Leben. Es gab Shows zwischen Videokunst und Gesprächsrunden mit Bauchtanz, in der Reithalle, in der Sonderbar, im öffentlichen Raum.
Und, ja, die beiden wollen ansteckend sein, wollen, dass mehr Leute den Wahnsinn wahrnehmen. All diese Gewalt im Internet und in der Realität, die allgemeine Erschöpfung, "also, ich krieg ja schon den Burnout, wenn ich nur fernsehe", verdreht Ahmet Özer Kopf und Augen. Was er auch im Film spielt. Da kommt er völlig erledigt zu seinem Freund, fragt nach Rat, kriegt Lösungsmöglichkeiten und die werden dann in filmischen Szenen ein- und weitergespielt. "Der Ahmet, des is ja eher der Verrückte bei uns beiden", erklärt Johannes Tietze die Konstellation, "und mir bleibt die Aufgabe, zu ordnen und zu realisieren." Technisch geschieht das im Kellerstudio im Coburger Norden. Es wird alles selbst gemacht, einschließlich der Musik, vorzugsweise elektronisch.
Um Coburg geht es nicht explizit, aber doch ganz sehr, es gebe sehr viele Einflüsse, viele Leute steckten mit drin, die würden sich auch wiederfinden, ja eben, darum geht es ja auch ganz sehr, um Teilhabe, bring dich ein, ohne dich geht es nicht, je bunter, desto besser die Veranstaltung. So fallen sich die beiden in ihrer Begeisterung ins Wort. Und so ist der etwa 60-minütige Film auch entstanden (oder besser noch im Entstehen), ohne Skript, improvisierend, lebend. "Wir hatten zuerst den Termin, dann die Location, also das Kino mit der großen Leinwand und der kleinen Bühne davor, und haben uns dann gefragt, was machen wir denn nun damit", berichtet Titze. "Dieses Vorgehen hat sich bei uns bewährt, das wird gut."
Budget hat das Duo keines, schließlich will man unbedingt auch unabhängig bleiben. Dass der Oskar Heublein vom Utopolis aber vor den Filmen jetzt schon ständig Werbung laufen lässt für diese im Rahmen der Vhs-KinoInitiative präsentierte Veranstaltung, das freut sie schon.
Wie es dann weitergeht mit dem Film, über Coburg hinaus - "na, lasst ihn uns erst Mal hier zeigen, mal sehen, ob er den Leuten gefällt," bleibt Titze am Boden. Immerhin sehen sich Titze und Özer soweit in der Verantwortung, dass sie Anpassungsgestörten nach dem Film am 18. April auf jeden Fall weitere Hilfe zukommen lassen wollen, an einem Merchandising-Stand, mit einem bisschen Musik, ein paar Drinks natürlich...

Kino Utopolis Coburg Impressionen Anpassungsgestörter. Ein Filmabend von Ahmet Özer und Johannes Titze. 18. April, 20.15 Uhr. Karten gibt es bei der Volkshochschule Coburg und an der Kinokasse.