Der "Tag X" ist für Hendrik Dressel schon hinten irgendwo am Horizont zu erkennen. Im nächsten Frühjahr, genau: am 30. April, wird seine Zeit als Seßlacher Bürgermeister zu Ende gehen. 30 Jahre ist er dann im Amt gewesen - eine verdammt lange Zeit. Manch einer seiner Kollegen ist danach in ein tiefes Loch gefallen. Angst, dass es ihm auch so gehen könnte, hat Dressel aber nicht. "Ich habe viel zu tun und noch viel vor", sagt der Bürgermeister, der am Sonntag seinen 60. Geburtstag feiert.

Die Arbeit, sie wartet zum größten Teil daheim. Dort betreibt Hendrik Dressel gemeinsam mit seinem Sohn Axel einen landwirtschaftlichen Betrieb. Schon früh war klar, dass dies einmal so kommen würde. Hendrik Dressel ist froh und erzählt die Geschichte mit ein bisschen Stolz. Axel Dressel war nämlich noch nicht einmal volljährig, als er von seinem Großvater dessen Anteile am Betrieb überschrieben bekam. Das war juristisch keine leichte Angelegenheit. Minderjährige, die Teilhaber an einem Betrieb sind, die gibt es nämlich sehr selten. Heute hat der 31-Jährige die Verantwortung auf dem Betrieb, der Rest der Familie hilft aber tatkräftig mit.

Auch mit seiner Schnapsbrennerei hat sich der Dressel-Hof sich inzwischen einen Namen gemacht. "Viel Geld", sagt Vater Dressel zwar, "ist damit nicht verdient". Für ihn ist diese Betriebssparte eher ein bezahltes Hobby. Aber eines, bei dem durchaus Spielraum für das eine oder andere Experiment da ist.

Am Fuß der Viertausender

Und ein bisschen Urlaub, das darf natürlich auch sein. Da trifft es sich gut, dass es Tochter Martin a in die Schweiz verschlagen hat. Freilich, räumt Hendrik Dressel ein: Für einen Vater ist es nicht ganz einfach, zu wissen, dass die Tochter wohl nie mehr in die Nähe zurückkehren wird. Aber er sieht die Sache pragmatisch: "Eine Tochter zu haben, die im Wallis am Fuße der Viertausender wohnt, ist ja auch nicht schlecht." Besonders dann, wenn man nicht mehr Bürgermeister ist und mehr Zeit hat.

Die Berge haben es Hendrik Dressel und seiner Frau Renate sowieso seit Jahrzehnten angetan. Auf der Suche nach spannender Natur und schönen Gipfeln hat das Ehepaar Seite an Seite manche Tour bestritten, die einem Außenstehenden ganz schön verwegen vorkommt. Im Himalaya waren die Dressels schon unterwegs, im türkischen Hochgebirge, klar auch einmal in Afrika - das ist schon echtes Abenteuer.

Da gab es auch Momente, da befürchtete Hendrik Dressel, sein letztes Stündlein hätte geschlagen. Beim Campen in einem kenianischen Wildpark zum Beispiel, als der Seßlacher Bürgermeister in seinem dünnen Zelt vom typisch tiefen Grummeln der mächtigen Löwen geweckt wurde. Mit dem Taschenmesser in der Hand wartete er im Zelt auf den Angriff - bis er dann doch merkte, dass das Grummeln nur von seinem schnarchenden Mitreisenden im Nachbarzelt stammte.

Das ist dreifach schlimm

Die Reisen in die Welt und die jährliche Zwei-Wochen-Wanderung auf dem Jakobsweg sind schon seit Jahren Ausgleich für einen Job, den Hendrik Dressel eigentlich nie auf seinem Lebensplan stehen hatte. Er wurde zwar bereits mit 24 Jahren in den Seßlacher Stadtrat gewählt, aber dass er - als Nicht-CSUler (schlimm!), Evangelischer (noch schlimmer!) und Gemündaer (vermutlich sogar am schlimmsten!) - 1984 zum Bürgermeister der Stadt Seßlach gewählt werden würde, dachte wirklich niemand. Aber Dressel, der bei seinem Amtsantritt das Studium der Agrarwissenschaften noch gar nicht lange abgeschlossen hatte, siegte, packte an - und er tut es noch immer entschlossen.

Die Abwasserentsorgung draußen auf den Dörfern war eine der ersten Aufgaben, dann folgte der heute als vorbildlich gelobte Neuaufbau der Altstadt. Jetzt geht es darum, die Stadt in Zeiten des demografischen Wandels zukunftsfest zu machen. Mit dem Namen Hendrik Dressel sind in Seßlach zahlreiche vielbeachtete Projekte verbunden - das haben auch die Wähler immer so gesehen und ihm teils überwältigende Wahlsiege beschert. "Auch wenn ich", wie Hendrik Dressel mit einem Schmunzeln erzählt, "für die Seßlacher selbst wohl nie der Bürgermeister der Herzen war".

Dann war er eben der Bürgermeister des Verstandes - und der Überzeugungskraft. "Ich liebe es, mit anderen Menschen zu diskutieren", sagt Hendrik Dressel, der in seiner politischen Laufbahn immer dafür bekannt war, mit Ausdauer für seine Ziele zu kämpfen. Für die "Initiative Rodachtal", zum Beispiel, bei der es erst einmal eine ganz Zeit dauerte, ehe sie nicht mehr als Schnapsidee abgetan wurde. Heute ist der bundesländerübergreifende Zusammenschluss eine Triebfeder für Tourismus und ökologische Entwicklungen im Rodachtal gleichermaßen. Anerkannt, viel gelobt, mehrfach ausgezeichnet. Hiervon wird Dressel aber im kommenden Jahr Abschied nehmen - der Gründungsvorsitzende geht von Bord. "Wenn man nicht mehr aus dem Rathaus heraus die wichtigen Verbindungen hat, dann macht das keinen Sinn", sagt der Bürgermeister.

So ganz aus der regionalen Politik verschwinden wird Hen drik Dressel aber auch nach dem Frühjahr 2014 nicht. Gemeinsam mit seinem Bad Rodacher Bürgermeister-Aussteiger-Kollegen Gerold Strobel (beide hätten laut Gesetz nämlich noch eine Amtszeit anhängen können) hat er beschlossen, noch einmal für die Fraktion der Freien Wähler zum Coburger Kreistag zu kandidieren. Nicht viel hätte gefehlt, da wäre Dressel sogar einmal Landrats-Kandidat geworden. 2008 hat es eine Fraktionen übergreifende Anfrage gegeben - dieses alte Gerücht dementiert Dressel zumindest nicht. Aber 2008 kam das Angebot für ihn zu spät. "So eine Sache hätte man auf zwei Wahlperioden anlegen müssen", sagt der Bürgermeister dazu.

In einem Jahr ist Schluss

Und dass 2014 für ihn Schluss sein werde, hat Hendrik Dressel vermutlich schon vor fünf Jahren gewusst. Da hält er es dann mit einer vielbeschworenen Politiker-Plattitüde: "Irgendwann ist es einmal Zeit für einen Wechsel." Und was könnte es Schöneres geben, als den Zeitpunkt dafür selbst zu bestimmen.


FEIER

Wer Hendrik Dressel zum 60. Geburtstag gratulieren möchte, kann am Sonntag von 10 bis 14 Uhr auf den Hof der Familie Dressel kommen.

Statt persönlicher Geschenke bittet Hendrik Dressel um eine Spende für die Stiftung "1150 Jahre Dorfgemeinschaft Gemünda". Das Geld soll für die Fassung und den Ausbau der Quelle "An der Heiligenleite" verwendet werden. Kontoinhaber Stiftung 1150 Jahre Dorfgemeinschaft Gemünda. Kontonummer 746 032 Bankleitzahl 783 500 00, Sparkasse Coburg-Lichtenfels.