Thomas Bauer sitzt auf einem Klappstuhl am Waldrand und hat den Kopf im Nacken. Kerstin Hutterer schüttet ihm gerade eine rote Flüssigkeit über das Gesicht, und die soll nicht in die Augen kommen. "Ich bin das Opfer", erklärt Bauer. Die beiden sind mit unter den ersten, die hier auf der Straße zwischen Ketschenbach und Meilschnitz ein Unfallszenario aufbauen, das sich als so realistisch erweisen wird, dass sogar Unbeteiligte zur Hilfe eilen werden.

Wenig später bringt Stadtbrandinspektor Rolf Höfner einen Schrottwagen. Das Wrack, ein ausgedienter Astra, wird in der Wiese neben der Straße in Position gebracht. Mit der nächsten Fuhre kommt ein Polo. Per Radlader wird er unfallgerecht verbeult und im Straßengraben versenkt. Thomas Bauer muss mühsam hinein kriechen. Er stellt einen Schwerverletzten dar, der im Fahrzeug eingeklemmt ist. Noch einmal rollt Rolf Höfner an. Diesmal bringt er einen Kleinwagen, den der Radlader auf die Seite wirft. Jetzt ist die Straße endgültig blockiert. Petra Vogler wird noch "ein Schock angeschminkt". Sie stellt ein zweites Opfer dar, leicht verletzt, Schleudertrauma, aber eben unter Schock stehend.

Jetzt noch eine Ladung leichtes Brennholz in den Wagen in der Wiese, ein bisschen Brandbeschleuniger drauf - Übungsszenario zum Einsatz fertig.

Keiner der Feuerwehrmänner ahnt etwas von dieser bis zur letzten Minute geheim gehaltenen Übung. Dann gibt Rolf Höfner an die Integrierte Leitstelle (ILS) durch, dass jetzt der Alarm ausgelöst werden kann. Gleich darauf werden die Funkmelder der Leute aus den Löschzügen 1 und 2 der Feuerwehr Neustadt Signal geben. In Bergdorf und Meilschnitz werden die Kräfte teils über Funkmelder, teils über die Sirene alarmiert. Noch ist nirgends die Rede von einer Übung. Die Feuerwehrleute rücken im Bewusstsein aus, in einen scharfen Einsatz, zu einem schweren Verkehrsunfall, zu fahren. An der aufwändig gestalteten Unfallstelle trifft unterdessen ein junger Mann mit dem Moped ein.

Er stoppt, Rolf Höfner ruft hinter einem der Wracks hervor: "Das ist ein schwerer Unfall, du musst helfen!" Sofort eilt der Mopedfahrer zu dem Polo, in dem Thomas Bauer feststeckt. Als der Rettungswagen eintrifft und drei Rettungsassistentinnen zum Fahrzeug kommen, weiß er schon dass er hier in eine Übung geraten ist, spielt aber mit und informiert gleich, was er schon über den Verletzten weiß: "Er hat Schmerzen in der Brust, im Bein und Verletzungen am Kopf". Jetzt übernehmen die Rettungsassistentinnen, die gerade ihre Ausbildung abgeschlossen haben und nun unter den Augen erfahrener Kollegen des ASB zeigen sollen, was sie können. Sie beginnen sofort mit der Versorgung der beiden Unfallopfer.

Inzwischen ist der Wagen in der Wiese in Brand geraten. Rauchschwaden ziehen über die Szene, es wird noch heißer als ohnehin schon an diesem Hochsommertag.
Dann treffen die ersten Feuerwehrkräfte ein. Rolf Höfner schaut auf die Uhr. Er scheint zufrieden, beobachtet aber seine Leute genau. "Wir müssen so realistisch üben", ist er überzeugt. "Wenn die jetzt richtig eingestiegen sind, dann unterscheiden sie nicht mehr zwischen Übung und Einsatzfall. Dann und nur dann, siehst du, ob sie einsatzwillig sind." Sie sind es. Minuten später sind Schere und Spreitzer bereit, den Verletzten aus dem Wrack zu holen.

Der Ernst in der Übung

Die Rettungsassistentinnen decken Thomas Bauer ab, Feuerwehrleute sichern die Scheiben mit Klebeband, damit sie nicht splittern. Jetzt liegen Übung und Realität sehr nahe beieinander, besteht echte Verletzungsgefahr. Gleich darauf heben die Männer das Dach ab. Jetzt können die Helferinnen an den Verletzten - aber bergen können sie hin nicht. "Aaar, mein Bein steckt noch fest!", brüllt Thomas Bauer und die Schaulustigen in der Wiese halten die Hände vors Gesicht. Für sie ist es keine Übung. Als müsste das noch betont werden, explodiert im brennenden Auto der Airbag. Inzwischen ist ein großes Löschfahrzeug eingetroffen und Atemschutzträger bekämpfen die Flammen.

Am Polo wird noch einmal schweres Gerät eingesetzt. Dann endlich holen Feuerwehrleute und Rettungskräfte den Verletzten heraus.Übungsende.

Erschöpfte Feuerwehrmänner nehmen Helme und Masken von ihren schweißnassen Köpfen, sinken im Schatten auf den Boden und greifen dankbar nach den Wasserflaschen, die Kerstin Hutterer mitgebracht hat. "Es war ein Alarm zur ungünstigsten Zeit: Freitagabend", sagt Höfner und ist mit dem Einsatz seiner Leute hochzufrieden.

"Das Problem ist der Personalmangel, wir brauchen mehr Leute in den Wehren. Wenn die fehlen, dann wird die Belastung für die, die da sind, einfach zu groß", sagt er. Vielleicht hat diese Übung, den einen oder anderen Jugendlichen unter den Zuschauern nachdenklich gemacht, hofft Höfner. Vielleicht wollen sie auch so helfen können wie die Feuerwehrleute und die jungen Rettungsassistentinnen, die hier gezeigt haben, dass sie ihr Fach verstehen. Rolf Höfner könnte junge Leute gebrauchen - und die Sanis auch.