Als sie noch zur Schule gingen, haben sie sich kaum angesehen, heute sprechen sie fast im gleichen Duktus und ihre Gestik ähnelt sich. Findet Leopold Schindler. Dabei hat er Lydia Rachman-Nuni seit 50 Jahren nicht mehr gesehen. "Aber wir haben uns sofort gut verstanden", ergänzt er und lächelt seine frühere Klassenkameradin an.

Die strahlt. Allein dafür haben sich 200 Telefonate, zahllose E-Mails, Briefe und ein Monat detektivische Recherche gelohnt. 44 ehemalige Mitschüler hat Lydia Rachman-Nuni aufgespürt. Nicht alle haben ihr Kommen zugesagt, aber die meisten. Einen Tag vor dem Klassentreffen ist die Organisatorin aufgeregt. Seit über 40 Jahren lebt sie in Israel und hatte so gut wie keinen Kontakt mehr zu ihren Mitschülern aus der Heilig-Kreuz-Schule. Weil sie aber sowieso vorhatte, zu ihrer Mutter zu fahren und zwei Wochen zu bleiben, sei ihr der Gedanke gekommen, dieses Klassentreffen zu initiieren. "Ich habe Coburg immer geliebt, vor allem wegen seiner alten Häuser." Zu Hause in Jerusalem habe sie im Wohnzimmer etliche Bilder der Stadt hängen.

Coburg der Liebe wegen verlassen

Dass Lydia Rachman-Nuni sie 1971 verlassen hat, sei ihrer Neugier geschuldet gewesen - und der Liebe zu einem Mann. Es begann damit, dass sie im Alter von 13 Jahren mit ihren Eltern und Geschwistern in Italien unterwegs war. "Dort haben wir eine israelische Familie kennengelernt, die auch eine 13-jährige Tochter hatte." Sie habe über Jahre mit dieser Familie im Briefkontakt gestanden. Nach Abschluss ihrer Ausbildung zur Krankenschwester machte sich die junge Frau auf den Weg nach Israel, um die Freunde zu besuchen. Es gefiel ihr so gut, dass sie nicht wieder zurück nach Deutschland wollte. Sie arbeitete in einem Kibbuz, in dem auch Holocaust-Opfer lebten. "Das war anfangs nicht leicht."

Später war sie in einem Kinderheim beschäftigt. Als sie an einem Wochenende nach Tel Aviv trampen wollte, hielt ein Militärfahrzeug mit einem hübschen Soldaten. "Ich dachte sofort: ,Das ist der Hit'." Offensichtlich hatte sie auch Eindruck auf den jungen Mann gemacht, denn schon beim zweiten Treffen entschied er: "Wir heiraten." Er regelte alles für Lydias Übertritt zum Judentum. Ohne wäre eine Hochzeit unmöglich gewesen. Und er zahlte 1000 Dollar, damit es schneller ging. 1972 siedelte Lydia nach Israel über. Und hat es nie bereut. "Möglicherweise waren meine Vorfahren im 18. Jahrhundert auch Juden, die zum Christentum übergetreten sind. Das erforsche ich gerade."

Auch in Leopold Schindlers Familie gab es jüdische Vorfahren - aus Griechenland. Wieder etwas, das beide verbindet. Doch der frühere Chorleiter, Kirchenmusiker und Musikpädagoge hat Coburg nur zum Studium in Richtung Bayreuth und Esslingen verlassen. Von 1975 bis 1980 war er Kirchenmusiker bei der Gemeinde Heilig Kreuz, ab 1976 auch Bezirkskantor im Dekanat Michelau. Infolge der Stellenreform in der evangelischen Kirche wechselte Leopold Schindler 1980 an das Gymnasium Albertinum, wo er bis 2010 als Lehrer für Orgel, Klavier und Musiktheorie und zeitweilig auch als Klassenlehrer tätig war. Auch er freut sich auf das Wiedersehen. Um 13.45 Uhr treffen sie sich an der H eilig-Kreuz-Schule.