Anna ist überfordert. Sie hat ihren Job als Bibliothek sassistentin an den Nagel gehängt, pflegt ihre 87-jährige demente Schwiegermutter und den starrköpfigen Schwiegervater. Auf die Hilfe ihres Mannes und dessen Bruder - immerhin die Söhne der alten Eheleute - hofft sie vergeblich. Auch auf Tochter Steffi kann sie nicht zählen. Die hat Beziehungsprobleme mit ihrer Partnerin zu lösen. Anna ist allein, wenn nachts der Hilferuf des Schwiegervaters kommt, weil seine Frau ihn prügelt, die geliebte Münzsammlung auf dem Fußboden des Esszimmers verteilt und sich dann kotverschmiert auf die Toilette verzieht. Harter Tobak gleich zu Beginn des Romans "Laufmaschen im Strickstrumpf". Und Heidi Fischer will auch bewusst nichts beschönigen. Sie weiß, was es bedeutet, Angehörige zu pflegen, denn sie hat es selbst getan. "Aber meine Familie stand hinter mir, ich war nicht so alleingelassen wie Anna", sagt sie.

Dass Pflege in der Gesellschaft jedoch meist den Frauen überlassen wird, dass viele an die Grenze ihrer Belastbarkeit kommen - das hat Heidi Fischer in dieser Zeit erlebt. "So ist die Idee zu diesem Buch entstanden." Das war 2006. Vor zwei Jahren ist sie damit fertig geworden und musste sich auf die Suche nach einem Verlag machen.

Präsentation bei der Buchmesse

Sie fand ihn in Karlsruhe. Nun ist das Buch auf dem Markt und soll sogar bei der Leipziger Buchmesse vorgestellt werden. Heidi Fischer wird selbst zwei Tage lang am Stand des Verlags in der Halle 4 D 104 anzutreffen sein und am 15. März liest sie um 20 Uhr im Café Anton Hannes im Musikerviertel, Beethovenstraße 17, aus ihrem Roman.

Diese Form der Publicity kam für die Autorin unerwartet, aber sie fühlt sich bestärkt in ihrem Anliegen, ein Problem anzusprechen, das die Gesellschaft in den nächsten Jahren immer stärker beschäftigen wird und für das es bislang keine zufrieden stellende Lösung gibt. "Ich wünsche mir einen offenen Umgang mit den Thema Demenz. Jeder kann in diese Situation kommen, entweder selbst zu erkranken oder zu pflegen." Ihrer Ansicht nach sollten pflegende Angehörige finanziell besser unterstützt werden, damit es leichter wird, die Angehörigen zu Hause zu betreuen, sagt Heidi Fischer. Und sie bricht eine Lanze für die Pflegeheime, insbesondere die in Coburg. "Ich habe nur Positives erlebt."

Unterhaltsame Geschichte

Doch zurück zum Buch. Heidi Fischer liegt es fern zu moralisieren. Deshalb ist ihre Geschichte nicht nur düster, sondern über weite Strecken humorvoll beschreibend. "Ich will damit ja auch unterhalten", stellt die Autorin klar. Und das tut sie - ohne Schnörkel, Effekthascherei und Anbiedern. Was sie gern bei den Lesern erreichen würde, beschreibt die Autorin so: "Wir sollten lernen, bewusster mit der Situation der pflegenden Angehörigen umzugehen und mehr miteinander zu kommunizieren. Wir leben viel zu oft aneinander vorbei. Das tut uns nicht gut."
Nach dem Titel ihres Buches, "Laufmaschen im Strickstrumpf", befragt, lächelt Heidi Fischer. Das sei nur ihr Arbeitstitel gewesen, der dem Verlag aber gut gefallen habe.

Der Hintergrund: Gisela Jäger, die demente Schwiegermutter, habe immer gern gestrickt, im Pflegeheim aber nur noch wirre Knäuel produziert. Aber der Titel treffe auch die Familiensituation: "Sie dröselt im Laufe der Geschichte einfach auf." Nach dem Tod der Schwiegermutter ergreift Anna die Flucht und macht sich auf die Suche nach sich selbst: "Alles ist offen. Ein Sonnenstrahl lässt die Blüte einer Rose im Vorgarten leuchten. Sie bleibt stehen, sucht die Kamera heraus und prüft den pe rfekten Blickwinkel."