Vor 125 Jahren am 14. Juni geboren und vor 25 Jahren am 29. März gestorben - das war Hans Rollwagen, der erste rechtskundige Bürgermeister der Stadt Neustadt bei Coburg. In einem Nachruf vom 4. April 1992 betrauerte die Stadt Neustadt ihren Altoberbürgermeister und Ehrenbürger wie folgt: "Von 1923 bis 1929 war er 1. rechtskundiger Bürgermeister der Stadt Neustadt b. Coburg. Er hat in dieser Zeit den Übergang in die bayerische Kommunalgesetzgebung mustergültig vollzogen. Durch sein Beispiel, sein großes Fachwissen, seine ihm eigene Verwaltungskunst und die Lauterkeit seines Charakters hat er den Grundstein für eine positive Entwicklung der Stadt gelegt. Der Stadtrat Neustadt b. Coburg hatte ihm daher 1972 das Ehrenbürgerrecht verliehen. Die Stadt Neustadt b. Coburg wird dem Verstorbenen in Dankbarkeit und Verehrung gedenken."

Als Bürgermeister leitete der Sozialdemokrat die Geschicke der Stadt Neustadt sechs Jahre lang vom 1. Juni 1923 bis zum 31. August 1929.

Hans Rollwagen wurde am 14. Juni 1892 in Nördlingen als Sohn des Schriftsetzers Johann Gottlob Rollwagen und dessen Gattin Marie Emilie geboren. Nach dem Besuch der Volksschule und des humanistischen Gymnasiums in Augsburg studierte er an den Universitäten München, Kiel, Berlin und Würzburg Rechts- und Staatswissenschaften. Unterbrochen wurde das Studium durch den Ersten Weltkrieg.


Verwundet in Verdun

In der grausamen Schlacht von Verdun wurde er 1916 schwer verwundet. 1920 konnte er aber sein Studium abschließen. Die Staatsprüfung für den höheren Justiz- und Verwaltungsdienst legte er mit ausgezeichnetem Erfolg ab. Schon im Alter von 27 Jahren sammelte Hans Rollwagen erste Erfahrungen in der Kommunalpolitik. Seine Leidenschaft dazu brachte ihm 1919 ein Mandat im Augsburger Stadtrat.

War bisher der erste Bürgermeister in Neustadt von der Stadtverordnetenversammlung bestimmt worden, hatten die Wahlberechtigten in Neustadt am 6. Mai 1923 aufgrund der neuen bayerischen Gemeindegesetzgebung die Gelegenheit, diesen zu wählen. Die SPD setzte auf den Augsburger Stadtrat Hans Rollwagen, der sich für das Bürgermeisteramt bewarb. Weitere Bewerber waren Karl Mosbach, seit 1911 amtierender Bürgermeister von Neustadt, und der damals in Bayreuth praktizierende Rechtsanwalt Dr. jur. Robert Forster.


Überzeugendes Programm

Am Vorabend der Wahl stellte Hans Rollwagen bei einer Versammlung im Schützenhaus sein Programm vor. Dieses muss wohl sehr überzeugend gewesen sein. Sein Wahlerfolg war ziemlich überraschend, aber auch deutlich; denn von den insgesamt 3187 Stimmen erhielt er 1944 oder rund 60 Prozent. Allerdings war die Wahlbeteiligung bei 4963 Wahlberechtigten recht schwach. Für Dr. Forster votierten 745 und für den bisherigen Bürgermeister Karl Mosbach nur 498 Wähler.

Hans Rollwagen gelang es nach schwierigen Verhandlungen mit der bayerischen Staatsregierung, Zuschüsse für den Ausbau der Staatlichen Realschule zu erhalten. Auf seine Initiative geht der Bau des Neustadter Wasserwerkes in der Sonneberger Straße (abgebrochen Anfang Februar 1979) zurück. Gehwege im Steinweg, in der Kirch- und Wilhelmstraße und am Marktplatz sowie eine Ufermauer an der Röden wurden gebaut. Ferner wurden auch die Durchgangsstraßen großzügig angelegt und ausgebaut, obwohl diese Maßnahmen mit hohen Kosten verbunden waren.

Mit großer Tatkraft engagierte er sich auch auf sozialem und hygienischem Gebiet. Die wichtigsten Projekte waren die Einrichtung der Kinderspeisehalle, der Bau der städtischen Häuser in der Körnerstraße und des Gebäudes des Zweckverbandes der Tuberkulose. Er sorgte sich auch um den Um- und Ausbau des städtischen Krankenhauses und schuf das Stadtamt für Leibesübungen. In seiner Amtszeit wurde der Bau der städtischen Kanalisation vorangetrieben. Außerdem arbeitete er eine neue Straßenpolizeiordnung sowie eine Satzung zur Regelung des Hausiererhandels im Stadtgebiet aus.

Nach vier Jahren Amtszeit verzichtete der Neustadter Stadtrat auf eine erneute Ausschreibung der Bürgermeisterstelle und wählte ihn am 23. Februar 1928 auf weitere zehn Jahre. Diese Entscheidung war auf die guten Leistungen Hans Rollwagens zurückzuführen.

Doch schon am 31. August 1929 trat Hans Rollwagen zurück, weil er zum berufsmäßigen Stadtratsmitglied in der Stadtverwaltung Nürnberg bestellt worden war. Dass Hans Rollwagen vom Stadtrat in öffentlicher Form im Schützenhaus-Saal verabschiedet wurde, zeugt davon, welch hohes Ansehen Hans Rollwagen in Neustadt genossen hatte.

In Nürnberg hatte er ab 1. September 1929 weiterhin ein reiches Betätigungsfeld in der Kommunalpolitik. Bis 1945 war er dort als stellvertretender Stadtkämmerer tätig. Drei Jahre später wurde er zum Oberbürgermeister der Stadt Bayreuth gewählt. Diese Funktion hatte Hans Rollwagen bis zum Eintritt in den Ruhestand im Jahre 1958 inne. Ab 1954 war er auch Präsident des Bezirkstages von Oberfranken und ab 1957 hatte er zusätzlich den Vorsitz im Kuratorium der Akademie für Politische Bildung in Tutzing.


Ehrungen und Auszeichnungen

Zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen sind Zeugnisse seiner großen Verdienste um die kommunale Selbstverwaltung. Geehrt wurde er mit dem großen Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, der Medaille in Gold für besondere Verdienste um die Kommunalpolitik, dem bayerischen Verdienstorden und dem Ehrenbürgerrecht der Stadt Bayreuth. In Neustadt wurde Hans Rollwagen für seine beeindruckende Leistung während seiner sechsjährigen Amtszeit durch einstimmigen Beschluss des Stadtrates am 23. September 1972 das Ehrenbürgerrecht verliehen. Bleibt noch zu erwähnen, dass er auch mit der städtischen Ehrenschale ausgezeichnet wurde.

Hans Rollwagen, der auch als einer der Väter der Bayerischen Gemeindeordnung gilt, verbrachte seinen Lebensabend in einem BRK-Wohnstift in Bayreuth. Der frühere Oberbürgermeister Hellmut Grempel besuchte ihn dort anlässlich seines 95. Geburtstages im Jahre 1987. Anlässlich seines 99. Geburtstages am 29. März 1991 übermittelte die damals amtierende Neustadter Oberbürgermeisterin Dr. Irene Schneider-Böttcher in einem Glückwunschschreiben die besten Wünsche zugleich auch im Namen des Stadtrates, der Stadtverwaltung und der Neustadter Bürgerschaft. Von einem Besuch musste abgesehen werden, weil sich Hans Rollwagen wünschte, seinen Geburtstag so ruhig feiern zu können, wie es seine altersbedingte Kraftminderung erfordert.

Quellen: Stadtarchiv, Stadtchronik von Helmut Scheuerich (Erster Band), Zeitungsberichte