Endlich. Karin Burkhardt-Zesewitz ist voller Euphorie und freut sich, dass sie nun die Früchte ihrer über 20-jährigen Arbeit ernten kann. Der Grund: Der Freistaat Bayern hat erkannt, dass sowohl das ambulante Hilfssystem für Frauen als auch die Frauenhäuser und Frauenberatungsstellen mehr finanzielle Unterstützung brauchen. Gleich ums dreifache hat der Freistaat seinen staatlichen Zuschuss erhöht.

Prävention wird noch wichtiger

60000 Euro (Personalkostenzuschuss) stehen im kommenden Jahr zur Verfügung. Im Klartext bedeutet das für die Frauenberatungsstelle in Coburg eine Personalstellenaufstockung um eine weitere Vollzeitstelle, eine Fachkraft für Präventionsmaßnahmen, eine Geschäftsführerin und eine Verwaltungsangestellte.

Anni Schuhmann-Demetz, die die Notrufstelle zusammen mit Karin Burkhardt-Zesewitz aufgebaut hat, freut sich mit ihrer Kollegin - wenngleich sie selbst ab 1. Januar in Ruhestand geht. Umso glücklicher ist die neue Geschäftsführerin Zesewitz, dass sie nun Sozialpädagogin Janina Bartlau an ihrer Seite hat. Zusammen planen die beiden Frauen das kommende Jahr. Denn schließlich schütte der Freistaat sein Geld nicht füllhornartig aus, sondern hat auch neue Richtlinien ausgegeben.

Der Schwerpunkt liegt nicht mehr, wie bisher, allein auf der Beratung, sondern es soll künftig auch mehr in die Prävention gesteckt werden.

250 Frauen aus Coburg und den Landkreisen Coburg, Kronach und Lichtenfels hat die Beratungsstelle 2019 betreut. Bei 50 Prozent der Fälle handelt es sich um häusliche Gewalt, bei den anderen 50 geht es um früher erlebte Gewalt, sei es auch im häuslichen Bereich oder sexueller Missbrauch.

Die Räumlichkeiten in der Hindenburgstraße sind schon seit einigen Jahren viel zu klein. Ende Januar steht deshalb der Umzug in eine ehemalige, großräumige Arztpraxis in der Mohrenstraße an. "Das ist gleich um die Ecke", sagt Karin Burkhardt-Zesewitz und verweist auf den Seiteneingang, der künftig sicherlich vielen Frauen angenehmer ist, da niemand mehr sichtbar vor der Tür der Notrufstelle um Einlass bitten muss.

Die neuen Räumlichkeiten bieten ausreichend Platz, um auch das Gruppenangebot erweitern zu können. So wird es neben der Gesprächsgruppe mit von Gewalt betroffenen Frauen nun auch eine offene Gruppe "Alltagskram" geben. "Einmal im Monat wollen wir Frauen zu bestimmten Themen, beispielsweise Achtsamkeit oder Kinder in der Pubertät, einladen und offen darüber sprechen."

Kinder stärker im Blick

Vertiefen möchten die Sozialpädagoginnen auch den Austausch und die Zusammenarbeit mit den Jugendämtern. "Die Kinder von gewaltbetroffenen Familien wollen wir stärker in den Blick nehmen", sagt Karin Burkhardt-Zesewitz. Durch eine engere Zusammenarbeit mit dem Frauenhaus soll das Angebot geschaffen werden, Kindern, die dort mit ihren Müttern untergebracht sind, in den neuen Räumlichkeiten "Fridolin" vorzustellen. "Fridolin" ist ein Präventionsprojekt, das vorwiegend von Kindergärten und Schulen gebucht werden kann. Mit Hilfe einer Handpuppe werden die Themen "Grenzen setzen, Geheimnisse und sexuelle Gewalt" kindgerecht nähergebracht.

Auch in der Fachakademie für Sozialpädagogik ist Karin Burkhardt-Zesewitz seit ein paar Jahren vertreten. "Wir suchen das Gespräch mit den angehenden Erzieherinnen, um auch dort die Sensibilität und den richtigen Umgang mit dem Thema sexueller Missbrauch zu schulen." In ihrem Anerkennungsjahr hätten schon einige Erzieher "Fridolin" eingesetzt, beziehungsweise ihre Facharbeit darüber geschrieben.

Immer mehr Frauen werden zu Opfern von Stalking

Stalking hat viele Auswüchse. Manchmal beginnt es ganz harmlos mit einer Rose unterm Scheibenwischer, die wie durch ein Wunder täglich wieder drunterklemmt - und nervt. Manchmal ist es der Ex-Partner, der jede Nacht anruft, vor der Tür Terror macht oder plötzlich da auftaucht, wo man selbst gerade ist. Im schlimmsten Fall endet Stalking tödlich, wie der Mordprozess im Sommer diesen Jahres in Coburg gezeigt hat. Deutschlandweit wurden 2018 122 Frauen von ihren Männern umgebracht. Ein Großteil von ihnen habe schon im Vorfeld Hilfe wegen Stalkings bei der Polizei gesucht, weiß die Geschäftsführerin der Frauennotrufstelle.

Karin Burkhardt-Zesewitz ist eine so genannte Stalking-Fachkraft - nennt sich offiziell zertifizierte Bedrohungs-Managerin. "Es werden immer mehr Fälle, die wir in der Notrufstelle betreuen", sagt sie. Allein 15 mehr als im vergangenen Jahr. Tendenz steigend.

Vor allem die digitale Gewalt nimmt immer größere Formen an. "Wenn der Partner Nacktbilder aus der Zeit der Beziehung hochlädt und ins Netz stellt, bist du erst mal machtlos", weiß die Expertin.

Und genau diese Macht- und Hilflosigkeit sei es, die es so schwer macht, eine gute Lösung für das Problem zu finden. Denn immer seien es die Opfer, die dafür sorgen müssen, dass sich etwas ändere. nel

Wer sich an den Frauennotruf wenden kann

Ansprechpartner für Frauen und Kinder, die zu sexuellen Handlungen gezwungen, vergewaltigt oder misshandelt wurden.

- Frauen, die in ihrer Beziehung/Ehe gedemütigt und misshandelt werden.

- Frauen, die von Ex-Partnern oder Fremden belästigt werden.

- Unterstützende und beistehende Personen, denen sich Frauen und Kinder anvertraut haben.

- Wer beruflich mit Frauen und Kindern arbeitet, die Gewalt erlebt haben oder erleben.

- Frauen, die sich nicht sicher sind, wie sie Erlebtes/Erinnerungen einordnen sollen.

Angebote

- telefonische Beratung und Information

- persönliches Beratungsgespräch

- angeleitete Gruppenangebote

- Angehörigenberatung

- Begleitung zur Polizei, Ärzten und Anwälten etc.

- Prozessvorbereitung und Begleitung

Spendenkonto

Verein Keine Gewalt gegen Frauen

Frauennotruf Coburg

IBAN DE39 7835 0000 0092015700