Vier Wochen aufopferungsvolle Pflege, bestes Essen, ein weitläufiger Garten - und dann flattert Ulrich Leichts Schützling einfach so davon. Doch für Leicht könnte es gar keinen schöneren Abschied geben. Seit 1969 kümmert sich der Rödentaler ehrenamtlich um verletzte Greifvögel, seit 30 Jahren ist er sogar alleiniger Betreuer der Auffangstation in Neu-Neershof. Selbst seine vogelbegeisterten Kollegen sind über so viel Federliebe erstaunt.

Auffahrunfälle, Stromschläge, manchmal sogar Schüsse oder Gift - die Ursachen für die Einlieferung der Greifvögel seien meist menschengemacht, sagt Andreas von Lindeiner, Landesfachbeauftragter des Landesbundes für Vogelschutz (LBV), bei der Jubiläumsfeier. "Solche Opfer kommen dann zu Uli in die Station." So viele Tiere wie möglich anschließend wieder in die Freiheit zu entlassen, das sei Leichts Motivation für die ehrenamtliche Tätigkeit.

Ein Krankenhaus für Vögel

Hinter den dicken, roten Backsteinmauern des ehemaligen Schlossgartens am Rand von Neershof päppelt der 68-Jährige verletzte oder flugunfähige Tiere in seinem "Vogelkrankenhaus" auf. Turmfalken und Mäusebussarde hat er am häufigsten in Kurzzeitpflege. Eigentümer des 5000 Quadratmeter großen Grundstücks sind die Bayerischen Staatsforsten, seit 2006 hat der LBV die Fläche gepachtet.

Mehr Nachrichten aus Coburg: Vogelschießen 2019: Programm, Familientag, Feuerwerk - die Infos zum Schützenfest

"Der erste Weg geht immer zum Profi", sagt Leicht. Wer einen verletzten Greifvogel findet, solle im besten Fall die Tierklinik informieren. Stellt der Tierarzt bei der Untersuchung fest, dass das Fundtier nicht lebensgefährlich verletzt ist, bespricht er das weitere Vorgehen mit Leicht. "Wenn ich Glück habe, können 50 Prozent der verletzten Vögel wieder freigelassen werden", schätzt Leicht die Genesungsrate. Im schlimmsten Fall müssen die Tiere jedoch eingeschläfert werden.

"Ich gönne den Vögeln zwei Dinge: Ruhe und gutes Futter. Und dann Tschüss!" Um die Patienten möglichst naturnah füttern zu können, stellt Leicht auch Mäusefallen im Garten auf. "Denn der Mäusebussard heißt schließlich so, weil er am liebsten Mäuse frisst." Je besser es dem Vogel geht, desto größer wird die Voliere, in die er umziehen darf. Zum Schluss in die 200 Quadratmeter umfassende "Reha-Voliere", wie Leicht das größte Gehege betitelt. "Wenn der Vogel die gut durchfliegt, kann er freigelassen werden."

Erfolgserlebnisse teilen

Davor fragt Leicht bei den Findern des jeweiligen Tieres nach, ob sie bei der Freilassung dabei sein möchten. Rund 90 Prozent wollen das Erfolgserlebnis mit Leicht teilen, bestenfalls sogar beim damaligen Fundort des Tieres. "Das einzige, was die Vögel dann noch von mir mitbekommen, ist ein Ring der Vogelwarte", erzählt Leicht.

Mehr zum Thema Tierschutz: Fünf Flamingos spurlos aus Geiselwind verschwunden

Jeden Tag schaut der 68-Jährige bei seinen gefiederten Schützlingen in der Station vorbei. Seit er in Rente ist, betreibe er die Arbeit noch viel intensiver. Wenn ihm Ehefrau Christel nicht gerade beim Füttern hilft, ist er oft stundenlang alleine mit den Tieren. "Ganz ehrlich: Ich liebe diese Einsamkeit und Ruhe. Das macht mir gar nichts aus." Seine Kollegen vom LBV bewundern Leicht für die Hingabe und Ausdauer. 2017 wurde der ehemalige Falkner dafür auch mit dem Bayerischen Tierschutzpreis ausgezeichnet.

32 Turmfalken kamen 2019 verletzt in der Station an. Diese Vogelart hat Ulrich Leicht am häufigsten als Patient.

52 Greifvögel hat Leicht in diesem Jahr schon aufgenommen, 25 davon wurden freigelassen, 14 sind verstorben.

Tierarzt-Tipps: Richtiger Umgang mit "Findevögeln"

Häufige Fehler Falsche Fürsorge sei das größte Problem, mit dem sich Tierarzt Bernd Wicklein konfrontiert sieht. "Scheinbar hilflose Nestlinge werden häufig aufgelesen und weggetragen, dabei hätten sie in der Natur die größte Überlebenschance", erklärt der Lautertaler Veterinär. Wer einen aus dem Nest gefallenen Vogel findet, solle diesen lieber erhöht in eine Hecke setzen und die restliche Pflege den Vogeleltern überlassen. "Von Hand aufgezogene Tiere haben später viel schlechtere Chancen, zu überleben", sagt Wicklein. "Man raubt den Tieren damit die Zukunft - sie haben bis dahin ja nichts gelernt."

Kontakt Wer einen verletzten Greifvogel findet, kann sich an verschiedene Stellen wenden: An Tierärzte, das Veterinäramt des Landratsamtes, die Polizei und natürlich an Ulrich Leicht.

Transport "Jacke oder Decke über den Vogel und dann am besten in den Fußraum des Beifahrersitzes setzen", empfiehlt Wicklein. Auch ein Karton oder Sack kann als Transportmittel dienen. "Uli bringt uns die Vögel immer im Jutebeutel." Von Katzenboxen rät Wicklein jedoch ab, darin sei die Verletzungsgefahr für die Greifvögel zu groß.

Vorsicht Verletzungsgefahr besteht aber nicht nur für das Tier: Vor allem vor den scharfen Krallen sollten sich die Finder in Acht nehmen und aufpassen, dass die Tiere nicht nach ihnen austreten oder mit dem Schnabel picken. Darüber, dass der eigene Geruch später am Vogel haften und ihm in freier Wildbahn Probleme bereiten könnte, müssten sich Finder aber keine Sorgen machen, beruhigt Wicklein. "Das ist eher bei Säugetieren ein Problem."