Der aus Malaysia stammende Dirigent Harish Shankar hat in seiner Karriere trotz seiner jungen Jahre bereits viel erlebt. Der 35-Jährige, an den Musikhochschulen in Lübeck und Weimar als Pianist und Dirigent ausgebildet, ist einer von drei Kandidaten, die sich um die Nachfolge von Roland Kluttig als Generalmusikdirektor am Landestheater Coburg bewerben. Dem Coburger Publikum stellt er sich am Wochenende als Konzertdirigent vor. Warum er Dirigent geworden ist und was ihn an der Aufgabe in Coburg reizt, verrät er im Gespräch.

In Coburg stellen Sie sich mit einem anspruchsvoll vielseitigen Programm von Enescu bis Schubert vor. Wo liegt für Sie die Herausforderung bei diesem Programm?

Harish Shankar: In der Persönlichkeit der Stücke. Das sind Stücke, die einen ausgeprägten Charakter haben, den es genau wiederzugeben gilt. Bei Kodály ("Tänze aus Galánta") aber ist es so: Wenn man nur die Töne spielt, wirkt es leer. Wenn man ein Orchester sehr gut kennt, dann kann man diese Musik auf eine sehr freie Art musizieren. Wenn man ein Orchester aber fast noch gar nicht kennt wie ich das Coburger Orchester, dann ist ein solches Stück eine echte Herausforderung.

Sie waren Chefdirigent des preisgekrönten El-Sistema-Projekts in Peru, bei dem Jugendliche an die Musik herangeführt werden und gemeinsam im Orchester spielen. Was hat den Ausschlag gegeben, sich in diesem Projekt zu engagieren?

Engagieren ist eigentlich der falsche Ausdruck, das klingt so, als hätte das Projekt mehr von mir profitiert als umgekehrt. Ich bin noch heute sehr dankbar, dass ich diese Erfahrungen sammeln durfte. Das war für mich nach dem Studium die erste feste Stelle - ein großer Schritt, den ich dort machen durfte. Ich habe mir dabei sehr viel Repertoire aneignen können und viel gelernt.

Wie wichtig ist Ihnen der Aspekt der Musikvermittlung an Jugendliche?

Sehr wichtig. Die Bedeutung, die die Musikvermittlung an Jugendliche in der Ausschreibung dieser Stelle hat, war für mich ein wichtiger Aspekt, mich in Coburg zu bewerben. Hinzu kommt, dass Coburg eine kleine Stadt ist, so dass man tatsächlich die Möglichkeit hat, jede Schule direkt zu erreichen.

Welche Herausforderungen für den klassischen Kulturbetrieb sehen Sie mittelfristig?

Die Theater- und Konzertwelt generell muss zugeben, dass man in den letzten Jahrzehnten eigentlich viel zu wenig Öffentlichkeits- und Jugendarbeit gemacht hat. In den letzten 30 Jahren ist das Durchschnittsalter des Publikums einfach immer höher geworden, jugendliches Publikum ist kaum hinzugekommen. Vor diesem Hintergrund ist es natürlich verständlich, wenn Politiker gefragt werden, ob man in so hohem Maß Steuergelder für Subventionen ausgeben muss. Sich einfach zurückzulehnen und zu sagen, die Subventionierung von Hochkultur müsse einfach so bleiben, wie bisher, das ist zu wenig. Wir müssen jetzt dafür sorgen, dass das Publikum so verjüngt wird, dass sich diese Frage in 20 Jahren gar nicht mehr stellt. Dann kann niemand mehr sagen, Hochkultur sei nur etwas für die oberen zehn Prozent der Bevölkerung.

Warum sind Sie Dirigent geworden?

Ich habe schon in sehr jungen Jahren in Chören gesungen. Im Kinderchor habe ich als Zwölfjähriger bei einer Aufführung von "Carmina Burana" mitgesungen. Der Gastdirigent aus Australien hat mich sehr beeindruckt - das war für mich eine regelrechte Erleuchtung und der Impuls, Dirigent werden zu wollen. Ich habe ein Schulorchester gegründet und geleitet - so fing das an.

Wo sind im Konzert- und Opernbereich Ihre Repertoire-Schwerpunkte?

Brahms und Messiaen sind meine Lieblingskomponisten, das heißt aber nicht, dass ich am liebsten ihre Werke dirigiere. Als Dirigent liebe ich Mahler und Tschaikowsky. Gerade bei Mahler merkt man, dass er ein grandioser Dirigent war, aus Sicht des Dirigenten schreibt Mahler so natürlich - diese Musik fließt. Im Opernbereich liebe ich die Italiener - Puccini vor allem. Aber ich weiß natürlich, dass es in Coburg eine Wagner-Tradition gibt. Und natürlich Strauss, Richard Straus - vor allem "Elektra" und "Salome".

Was zeichnet einen guten Dirigenten aus?

Viele Dinge. Zunächst natürlich, zu wissen, wann man führen und wann man folgen muss. Und dann muss man sich dissoziieren können. Denn der Dirigentenberuf ist eigentlich fürchterlich, man darf sich nicht in der Musik treiben lassen, sondern muss mit dem Kopf immer voraus sein, so dass man das Kommende vorbereiten kann. Man darf mit dem Kopf nicht dort sein, wo die Hand ist. Für mich kommt es auf das Ohr an, dass man gut mit dem atmen kann, was vom Orchester angeboten wird.

Was ist Ihr erster Eindruck von Coburg?

Von Coburg habe ich leider bislang erst sehr wenig gesehen. Aber der erste Eindruck ist sehr positiv - Coburg ist eine Perle und erinnert mich ein wenig an Lübeck, wo ich lange gelebt habe.

Die Coburger GMD-Suche

Concertino Samstag, 12. Oktober, 11 Uhr, Landestheater Coburg, Leitung; Harish Shankar Sinfoniekonzert 13. Oktober, 18 Uhr, 14. Oktober, 20 Uhr _ Werke von Enecsu, Kodály, Haydn und Schubert; Markus Riepertinger (Trompete), Philharmonisches Orchester, Leitung: Harish Shankar Harish Shankar In der Spielzeit 2018/2019 debütierte Harish Shankar beim Gärtnerplatztheater München, dem Theater Erfurt, den Düsseldorfer Sinfonikern und dem Royal Scottish National Orchestra. Als Dirigierassistent hat er eng mit vielen namhaften Dirigenten wie Sir Andrew Davis, Vasily Petrenko, Eckehard Stier und Juanjo Mena zusammengearbeitet. Nach seinem ersten Dirigierstudium bei Prof. Eiji Oue an der Musikhochschule Hannover folgte er einer Einladung nach Peru, wo er als Chefdirigent des preisgekrönten El-Sistema-Projekts in Peru fungierte. Während seiner Zeit in Peru dirigierte Harish Shankar eine Vielzahl klassischer und genreübergreifender Konzerte mit der Absicht, auf eine schnell wachsende Klassikszene im Lande einzugehen und durch Musik Jugendliche verschiedener Gesellschaftsschichten zusammenzubringen.

Harish Shankar ist Preisträger des 6. internationalen Jorma Panula Dirigierwettbewerbs.

GMD-Suche Noch zwei weitere Kandidaten bewerben sich um die Nachfolge Roland Kluttigs als Generalmusikdirektor am Landestheater Coburg. Daniel Carter dirigiert eine Aufführung von "Carmen" am 13. November (19.30 Uhr) sowie das Concertino am 16. November (11 Uhr) und die Sinfoniekonzerte am 17. November (18 Uhr) und 18. November (20 Uhr). Moritz Gnann dirigiert am 22. Oktober "Carmen" sowie am 14. Dezember das Concertino (11 Uhr) und am 15. Dezember (18 Uhr) und am 16. Dezember (20 Uhr) das Sinfoniekonzert. Vorverkauf Tickets gibt es in der Tageblatt-Geschäftsstelle, Hindenburgstraße 3 a.