Die Wogen einer emotional geführten Diskussion um den Wirkstoff Glyphosat und die Verlängerung seiner Zulassung in der EU haben sich geglättet. Vorübergehend. Das Ringen geht weiter. Befürworter und Gegner sammeln bereits Argumente und versuchen Entscheider - aber auch die öffentliche Meinung - zu beeinflussen.
Der Agrarchemiehersteller Bayer etwa bündelt in einer aufwendig gemachten Broschüre, die gezielt an Journalisten herausgegeben wird, Gründe für eine weitere Verwendung. Einer der schwerwiegendsten: Erträge für eine Welt mit einer steigenden Zahl hungriger Menschen. Im Schnitt über alle Feldfrüchte um 22 Prozent, so Bayer, lasse sich der Ertrag durch Pflanzenschutzmittel steigern. Dr. Helmut Schramm, Geschäftsführer von CropScience wird mit dem Hinweis zitiert: "Das Zulassungssystem für Pflanzenschutzmittel in Europa ist das strengste der Welt." CropScience gehört allerdings Bayer.
Dass die internationale Agentur für Krebsforschung IARC Glyphosat als wahrscheinlich krebserregend einstuft, leugnet Bayer nicht - verweist aber darauf, dass IARC auch rotes Fleisch, Getränke über 65 Grad und den Friseurberuf als wahrscheinlich krebserregend einstuft. Als wichtigste Stütze für eine weitere Zulassung von Glyphosat wird die Beurteilung durch die Bundesanstalt für Risikobewertung (BfR)angeführt: "Kein krebserzeugendes Risiko bei bestimmungsgemäßer Anwendung." Dafür wurde die BfR kritisiert. Als Grundlage für die Beurteilung dienten nämlich die Untersuchungen, die der Hersteller für eine Zulassung vorlegen muss.
Ein Vorwurf, gegen den sich die BfR wehrt: "Alleiniges Kriterium für die Berücksichtigung von Studienergebnissen ist die wissenschaftliche Qualität und Evidenz der Studien. Mögliche Interessen der Auftraggeber, der Politik oder anderer Interessengruppen können und dürfen bei einer wissenschaftlichen Bewertung keine Rolle spielen", sagt ihr Leiter Andreas Hensel. Zudem seien eine Vielzahl weiterer Untersuchungen anderer Stellen berücksichtigt worden.


Einsatz in der Praxis

Rund 6000 Tonnen Glyphosat werden in Deutschland pro Jahr eingesetzt. Größter Einzelabnehmer ist dabei übrigens die Bahn, die allein 75 Tonnen im Jahr abnimmt, um damit ihre Gleisbette krautfrei zu halten. Und auch in deutschen Gärten kommt das Mittel zum Einsatz. Die größte Menge landet aber auf den Flächen der Landwirtschaft.
"Eine wesentliche Verwendung dient der Vorbereitung von Minimalbodenbearbeitung", erklärt Hans Rebelein, Geschäftsführer des Bayerischen Bauernverbandes in Coburg. Wenn Landwirte zum dringend geforderten Erosionsschutz ihre Felder über den Winter begrünen, etwa mit Senf, dann verwenden sie bisher Glyphosat, um die Reste der Zwischenfrucht im Frühjahr zu beseitigen. So können sie mit bodenschonender Minimalbearbeitung die nächste Feldfrucht ausbringen. Fällt Glyphosat weg, wird dieses Vorgehen erschwert und womöglich verzichten dann viele auf den Erosionsschutz. Alternative Arbeitsweisen erfordern mehr Arbeitsschritte und damit einen höheren Energieverbrauch.
Ein anderes Einsatzgebiet war die Bekämpfung von Zwiewuchs. Dieses Problem ist zurzeit akut. Als nach langer Trockenheit Regen fiel, kam es zu Zwiewuchs im Getreide. Das heißt, zwischen den fast erntereifen Halmen stehen plötzlich wieder grüne - ein Problem bei der Ernte. Früher wurden die grünen Pflanzen mit Glyphosat beseitigt und nach einer Wartezeit konnte normal geerntet werden. "Das ist schon verboten und nur noch mit einer besonderen Genehmigung möglich", erklärt Hans Rebelein. Landwirten bleibe nur, zu warten oder mit grünen Halmen zu ernten und das Getreide dann zu trocknen. Das könne aber nicht jeder Betrieb und Einbußen müssen in beiden Fällen in Kauf genommen werden.


Symbol einer Grundsatzdebatte

"An Glyphosat entzündet sich eine Diskussion, die eigentlich die gesamte Arbeitsweise in der Landwirtschaft und den Umgang mit dem Boden angehen müsste", fasst Alexander ULmer, Geoökologe und Geschäftsführer beim Landesbund für Vogelschutz (LBV) in Coburg seine Einschätzung zusammen. Umweltverbände fordern schon lange, bei der Risikobewertung solcher Mittel nicht auf Studien der Hersteller zurückzugreifen, sondern eigene Untersuchungen unabhängiger Stellen zu nutzen. "Man sollte sich generell fragen, ob es sinnvoll ist, so zu wirtschaften wie bisher", sagt er. Es sei möglicherweise sinnvoller, mit geringeren Erträgen auszukommen, statt die Grundlage für Erträge, den Boden, insgesamt zu gefährden.
Mit der Beseitigung von Pflanzen, die wirtschaftliche Erträge stören, werde auch vielen anderen Organismen die Lebensgrundlage entzogen. Mit Blick auf den Rückgang an Artenvielfalt und das Insektensterben kämen Umweltverbände wie der LBV daher nicht umhin, Herbizide und Pestizide generell abzulehnen. Als bedenklich stuft er Zahlen ein, die besagen, dass der Einsatz von Agrarchemie in Deutschland entgegen der oft geäußerten Meinung nicht ab- sondern zunimmt. "2005 waren es noch 35 000 Tonnen, 2013 aber schon 44 000 Tonnen", begründet Alexander Ulmer seinen Rat, das Wirtschaften vielleicht einmal zu überdenken.

Einen weiteren Artikel zum Thema Glyphosat finden Sie hier.