Es musste doch herauskommen! Als sich Focus-Chef Helmut Markwort ein Pseudonym ausdachte, war er unvorsichtig. Manche Autoren verwenden ein Anagramm. Sie vermischen einfach die Buchstaben ihres Namens, bis ein neuer herauskommt. Ich könnte mich also beispielsweise Utz Reinlar nennen, wenn keiner merken soll, dass ich es bin. Helmut Markwort nannte sich Moritz Rodach, nicht etwa Marek Worltmuth oder Ruth Woltemark. Jedenfalls sind die Kollegen von Zeit-Online der Meinung, dass er es ist, der unter diesem Namen mit dem verräterischen Bezug auf das Städtchen im Coburger Land Online-Artikel über den FC-Bayern schreibt oder fürs Radio textet. Klar hätte er ein Interesse, nicht erkannt zu werden, wenn es um dieses Thema geht. Wie sähe es denn aus, wenn er als Focus-Chef, aber eben auch Mitglied im Verwaltungsbeirat des FC Bayern München und im Aufsichtsrat der FC Bayern München AG, für den Focus schreibt. Da musste er ja damit rechnen, dass jemand etwas zu meckern hat. Also ein Pseudonym her! Aber welches?

Bei der Suche mag er verträumt aus seinem Bürofenster geblickt haben. Bilder vor dem geistigen Auge nahmen Gestalt an. Er in der Volksschule in Rodach (das hieß damals noch nicht Bad), später im Coburger Casi. Bratwurststände auf dem Marktplatz ("Die Semmel behalte ich, tu' dann aber immer neue Bratwürste rein", verriet er einmal im Tageblatt-Interview). Er mag sich gesehen haben, wie er mit Schulfreunden in Rodach kickte oder als Prinz im "Dornröschen" auf der Schulbühne stand. Wunderbare Erinnerungen. Der Nachname für das Pseudonym war geboren: Rodach. Vorname? Moritz, wie sein eigener Sohn.

Wer also soll sonst hinter dem Pseudonym stecken, unter dem äußerst brisante Informationen über den FC-Bayern öffentlich wurden, die nur ein Insider kennen konnte? Nur weil er im innersten Zirkel des Münchner Clubs völlige Bewegungsfreiheit hatte, konnte der Maulwurf Moritz Rodach Sätze veröffentlichen wie etwa 2008, als Bayern in St. Petersburg spielte: "Zum Abflug sind die Spieler einzeln zum Flughafen gekommen, nicht mit dem Bus - wie früher üblich. Die Spieler fahren alle Audis mit dem Kennzeichen M für München und RM für Rekordmeister, dahinter als Ziffern die jeweilige Rückennummer." Tatatataaaam, möchte man rufen, angesichts dieser Offenbarung. Klar, was Moralhüter stört. Es ist die Nennung der Marke Audi. Das Unternehmen sponsert den FCB.

Noch wird spekuliert, ob "der Markwort" auch "der Rodach" ist. Dabei hat seine Lebensgefährtin Patricia Riekel am Rande der Verleihung des Deutschen Radiopreises gepetzt, dass Helmut Markwort begeistert Fußballspiele kommentiere. Das aber unter dem Namen Moritz Rodach tue. Die Vermutung, dass es noch einen anderen gibt, der dieses Pseudonym verwendet, oder einen, der für Focus-Online schreibt und wirklich so heißt, darf als wenig wahrscheinlich angesehen werden. Nun springen Hüter der journalistischen Moral schon einmal erregt auf. Von einem Rollenkonflikt ist die Rede, wenn einer, der geschäftlich mit dem Unternehmen FCB zu tun hat, über den FCB schreibt und dabei sogar offenlegt, wer beim Abendessen neben wem saß - was die anderen Journalisten dann gar nicht wissen, weil sie nicht eingeladen waren. Da möchte man schon wieder etwas rufen, "Sapperlot" beispielsweise.

Sogar das Wort "Rodach-Skandal" wird schon bemüht. Alle Beteiligten äußern sich mit sehr besorgtem Unterton. Aber selbst der schlimmste Skandal hat manchmal noch eine gute Seite. Nun heißt es ja, es gebe keine schlechte PR. Hauptsache, man werde bekannt. Wenn Rodach, das jetzt Bad heißt, über den "Rodach-Skandal" und die Verbindung zu Helmut Markwort bundesweit ein wenig bekannter wird, schadet es nicht. Die Stadt kann Bekanntheit und Gäste gebrauchen - selbst dann, wenn sie nur kommen, um zu sehen, wo Helmut Markwort seine Jugend verbrachte und die Wurzeln für sein heutiges Pseudonym tief in den Boden des Coburger Landes bohrte.

Der Journalismus in Deutschland, mit Verlaub, hat andere Probleme in Zeiten, in denen Redaktionen regelrecht gerodet werden und sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel mahnende Worte findet, weil sie um die journalistische Qualität im Land fürchtet.