Das Etikett ungewöhnlich hat sich dieser Konzertabend im ehemaligen Jagdschloss Bad Rodach schon vor dem ersten Ton verdient. Denn fraglos ungewöhnlich ist es, wenn Solisten der Staatsopern Istanbul und Izmir den Weg nach Franken finden, um Händel, Bach und Vivaldi zu singen. "Karsanat" nennt sich das Barockensemble, das zum Auftakt einer dreiteiligen Kurz-Tournee in der fränkisch-thüringischen Region in der Thermalbadstadt seine interpretatorische Sicht auf mitteleuropäische Barockmusik präsentiert.
Um Musik soll es gehen an diesem Abend, um Musik und ihre gerne zitierte Macht, Grenzen (auch kultureller Art) zu überwinden. Zunächst ist dann aber von politischen Grenzen die Rede. Immerhin muss das Programm kurzfristig geändert werden, weil ein Mitglied des Ensembles beim Generalkonsulat der Bundesrepublik in Istanbul vergebens auf sein Deutschland-Visum warten musste, klagt Jürgen M. Werobèl.

Inspirierendes Konzerterlebnis


Der in Coburg lebende Arzt hat die Kurz-Tournee des Ensembles in seiner Eigenschaft als Präsident der Schlösservereinigung "Patrimonium Castellorum Europae" organisiert - inspiriert von einem Konzerterlebnis vor zwei Jahren im antiken Amphitheater von Stratonikeia.
Nicht als Vokal-Quintett, sondern als Quartett gestaltet Karsanat dann sein Barock-Programm zwischen Alfonso Stradella und Giovanni Battista Pergolesi, zwischen Bach und Caccini, Händel und Vivaldi. Wie aber klingen eben Bach und Händel in der Interpretation dieses türkischen Ensembles, das beim Gastspiel in Bad Rodach von der in Coburg lebenden Japanerin Kyoko Frank am Flügel begleitet wird?

Packende Ausdruckskraft


In diesem Fall klingt Barockmusik frei von jedem Bestreben, klingende Exerzitien in historischer Aufführungspraxis zu präsentieren. Dieser Bach und Händel tönt nicht asketisch schlank, sondern wird bevorzugt mit großer vokaler Geste dargeboten. Rasch wird klar, dass hier routinierte Opernstimmen am Werk sind - Stimmen, die freilich hörbar bestrebt sind, die akustischen Grenzen des Festsaals im ehemaligen Jagdschloss nicht zu sprengen.
Opernarien von Händel dominieren im ersten und zweiten Teil des Programms, ergänzt durch geistliche Gesänge von Bach und Stradella beispielsweise. Stets geht es den Solisten um möglichst intensiven Ausdruck, um Expressivität, die sich in einer durchaus weit differenzierten dynamischen Skala entfaltet. Das gilt für die koloraturgewandte Sopranistin Derya Kircali Gürlük ebenso wie für die Mezzosopranistin Evrim Keskin, die in Händels "Lascia chio pianga" aus "Rinaldo" besonders ausdrucksvoll dunkle Töne entfaltet.
Vor allem mit dunklen Tönen in der tiefen Lage prunkt die Mezzosopranistin Gülderen Erdogmus, die zugleich als Leiterin des Ensembles fungiert.
Und der Countertenor Nuri Harun Ates demonstriert sehr eindringlich, wie sich Beweglichkeit in den Koloraturen mit packender Ausdruckskraft verbinden lässt. Am Flügel wird die Pianistin Kyoko Frank mit jederzeit anpassungsfähigem Spiel zum unerschütterlich verlässlichen Rückhalt dieses Konzertabends.

Türkische Klänge


Nach reichlich Händel gibt es dann zum Abschluss des Konzerts türkische Klänge - darunter auch eine impressionistisch angehauchte Komposition von Gülderen Erdogmus. Ausdauernder Beifall und wechselseitig verteilte Gastgeschenke. Übrigens: Nach einem Konzert am Donnerstag in Kronach gastiert das Ensemble Karsanat am Freitag (12. Oktober, 19.30 Uhr) im Eisfelder Schloss.