" Schlampe", "Nutte", "Schwuchtel", "Wichser": Was sich Kinder mitunter an den Kopf werfen, erschreckt Erwachsene. Was sie zum Teil auf ihre Handys herunterladen oder im Internet anschauen, macht betroffen. Andrea Gulich vom Amt für Jugend und Familie der Stadt will das nicht verharmlosen. Sie weiß aber auch, dass vieles mit dem Druck zu tun hat, sich in der Gruppe als besonders erfahren und lässig darzustellen.

"Wir haben irgendwann festgestellt, dass Sexualität in der Schule ein Thema ist", erzählt sie. Und es gibt Institutionen, die damit Erfahrung haben: die Schwangerenberatungsstellen des Diakonischen Werks und des Landratsamtes. "Unsere Intention war es, die Angebote zu bündeln und zu schauen, wo Bedarf ist", ergänzt sie.

Nun ist Sexualerziehung von der Grundschule an ein Bestandteil des Lehrplans. Doch in der Praxis habe sich gezeigt, dass Lehrer gern die Sachkenntnis der externen Institutionen in Anspruch nehmen. Lediglich in Grundschulen sollen die Lehrkräfte die Sexualerziehung selbst in die Hand nehmen.

Ohne Lehrer offenere Fragen

In den oberen Klassenstufen habe sich gezeigt, dass die Schüler unbefangener sind, wenn keine Lehrerin, kein Lehrer dabei ist, erläutert Ulrike Heinze-Zelger von der Schwangerenberatung der Diakonie. "Die Kinder können vorher anonym Fragezettel ausfüllen. Die schreiben wir ab und drucken sie aus, damit nicht an der Schrift zu erkennen ist, wer was gefragt hat." Sie sei immer wieder erstaunt, wie wenig die Kinder über Sexualität wüssten, sagt Ulrike Heinze-Zelger. "Viele wissen in der sechsten Klasse noch nicht, wie eine Schwangerschaft entsteht."

Wichtige Themen sind für Ellen Knoch vom Gesundheitsamt im Landratsamt neben dem Herausstellen der körperlichen Unterschiede von Mädchen und Jungen auch Geschlechtskrankheiten, Verhütung, HIV und Aids-Beratung von der sechsten Klasse an. "Wir werden immer wieder von den Schulen angefordert", erzählt sie.

Gruppenzwang

Einen anderen Aspekt bringt die Gleichstellungsbeauftragte Susanne Müller ins Gespräch. "Jungen brüsten sich mit ihren sexuellen Erfahrungen, die sie eigentlich noch gar nicht hatten, und sie bewerten Mädchen." Da werde schon mal die Nase gerümpft, wenn eine sich die Beine nicht rasiert oder keine Modelmaße hat. Die Mädels setzten sich leicht selbst unter Druck, um einem vermeintlichen Idealbild nahezukommen. "Manche denken sogar schon über Brustimplantate und Lippenaufspritzung nach", ergänzt Andrea Gulich. Für die Gleichstellungsbeauftragte ist es deshalb ein wichtiges Ziel, das Selbstwertgefühl der Mädchen zu stärken, damit sie aus dem Gruppenzwang ausbrechen können.

Mit Blick auf die Sexualerziehung haben nach Ansicht von Andrea Gulich Mädchen den großen Vorteil, dass sie schon früh mit Freundinnen über Sex sprechen, zum Beispiel, wenn die monatliche Blutung beginnt. Jungen tun das nicht in dem Maße. Aber auch sie seien offen für Gespräche über Sexualität. Deshalb werden Mädchen und Jungen getrennt, wenn es in den Schulen um Sexualerziehung geht. "Wir nehmen einen jungen Mann von der evangelischen Jugend mit. Ihm stellen die Jungs leichter Fragen", erzählt Ulrike Heinze-Zelger. Auf diese Weise könne ihnen auch mal vermittelt werden, dass die Mädchen ihre abwertende Sprache nicht mögen. "Die Jungs sind sehr dankbar für diese Stunden."

Auch Elternabende werden angeboten. "Die Mütter und Väter denken oft, ihre Kinder seien ganz brav und interessierten sich nicht für Sexualität. Sehen sie dann die Zettel mit den Fragen, die an uns gestellt werden, sind sie erschrocken", sagt Ulrike Heinze-Zelger. Über die an den Lehrplan gebundenen Schulveranstaltungen hinaus gibt es weitere Angebote des Arbeitskreises Mädchen und junge Frauen zusammen mit den Schwangerenberatungsstellen, der Gleichstellungsbeauftragten und dem Verein für sozialpädagogische Jugendbetreuung (vsj). Neben den Kursen für Mädchen und Jungen werden dort auch Informationsabende für Eltern angeboten. "Darauf haben wir leider keine Resonanz bekommen", sagt Susanne Müller.