Lily möchte ihr Buch am liebsten selbst lesen. Doch sie geht erst seit zwei Monaten zur Schule. Trotzdem beschäftigt sie sich mit den ABC-Geschichten aus der Lesetüte. Philipp hat's gut: "Meine Oma hat mir die Geschichte vorgelesen, wie die Buchstaben verreisen." Bei Janek sind Mama und Papa die Vorleser. Das Buch mit den fröhlichen Geschichten rund um das Alphabet und mit so schwierigen Wörtern wie Rhinozeros, Uferke und Unschwalbe haben alle Kinder der ersten Klasse in der Neuseser Schule bekommen - in einer Lesetüte.

Geschenkt hat sie ihnen die Buchhändlerin Irmgard Clausen, die schon seit drei Jahren ihre Lesetüten an den Coburger Grundschulen verteilt, inzwischen auch in Dörfles-Esbach und in Niederfüllbach. 400 Tüten bringt sie damit zu den Erstk lässlern - ein enormer Aufwand. Aber den nimmt sie in Kauf. "Es geht darum, den Kindern zu sagen, dass Lesen etwas Wunderbares ist", sagt Irmgard Clausen. In der Tüte finden die Erstklässler ein Buch, einen Bleistift, ein Lesezeichen, einen Luftballon, eine kleine Überraschung, einen Stundenplan und einen Brief an die Eltern. "Damit möchte ich die Mütter und Väter anregen, ihren Kindern vorzulesen, die Freude am Lesen zu wecken und zu fördern."

Die Lesetüte ist im Übrigen eine Aktion des AG Leseförderung im Börsenverein des Deutschen Buchhandels, der dafür mit zwei Verlagen kooperiert. Als Sprecherin der AG ist Irmgard Clausen von Anfang an involviert. Immerhin 50.000 Lesetüten wurde deutschlandweit verteilt.

Bunte Tüte macht Spaß

Von all dem wissen die Schüler der ersten Klasse in Neuses nichts. Sie haben Spaß an ihren Tüten - vor allem auch deshalb, weil sie so schön bunt bemalt sind. Das haben die Zweitklässler bereits am Ende des vergangenen Schuljahres für die Schulanfänger erledigt.

" Ich habe Buchstaben und Zahlen gemalt. Das passt so gut zu dem Buch", erzählt Viktoria. Elias dagegen hat sich für ein Haus, ein Kamel und ein Schulkind mit Zuckertüte entschieden. Die fertig bemalten Tüten hat Irmgard Clausen wieder abgeholt und befüllt, um sie nach den Herbstferien zurück an die Schulen zu bringen. Dort haben die Zweitklässler den Schulanfängern, die inzwischen schon einige Buchstaben kannten, die Geschenkbeutel weitergegeben.

Freundschaften sind entstanden

Gabriele Walther, Klassenlehrerin der zweiten Klasse und Schulleiterin, erinnert sich: "Die Schülerinnen und Schüler konnten sich aussuchen, für wen sie die Lesetüte bemalen und wem sie sie überreichen. So sind auch Freundschaften entstanden. Die Jüngeren haben eine Bezugsperson, an die sie sich auch wenden können, wenn sie Hilfe brauchen." Besonders für die Schüler, die aus anderen Stadtteilen kommen und die Mitschüler nicht aus dem Kindergarten kennen, sei das wichtig. "Das Ganze hat also auch einen sozialen Aspekt: Die Klassen verstehen sich besser", ergänzt Gabriele Walther. Dem stimmt Barbara Wölfel, Klassenleiterin der ersten Klasse, zu.

Für sie ist auch der Aspekt der Leseförderung von Bedeutung. "Die Kinder haben sich das Buch gleich angesehen und versucht, einzelne Buchstaben zu lesen. Begeistert waren sie auch von dem Bleistift." Immerhin: Damit kann man ebenfalls gut Buchstaben schreiben.