Hinaus in die Welt, hinaus ins Leben. Frei sein, die Natur entdecken, ohne Bindung, ohne Gier nach Reichtum, nur den Himmel über und die Straße vor sich - davon erzählt der Wanderer in den "Songs of Travel" von Robert Louis Stevenson, die Ralph Vaughan Williams in einer Auswahl vertont hat. Seltsam, dass dieser Liederzyklus in Deutschland so selten auf den Programmzetteln auftaucht.

Schließlich sind diese neun Lieder für Bariton und Klavier eine ebenso spannende wie lohnende Herausforderung für die Interpreten. Das beweist ein Liederabend, den Martin Trepl gemeinsam mit dem Pianisten Antonio Grimaldi in der Coburger Reithalle gestaltet.

Aufbruch ins Leben

Diese "Songs of Travel" entfalten in der spannungsvollen Deutung von Trepl und Grimaldi von den ersten Takten an regelrechte Sogwirkung. Sie ziehen die Zuhörer hinein in die Geschichte dieses ungebunden freien Wanderers, der nur auf den ersten Blick ein Bruder im Geiste von Franz Schuberts Winterreisenden zu sein scheint. Denn das Unterwegssein, das Vaughan Williams in diesen Liedern beschreibt, ist keine Flucht aus der Welt und ihren Enttäuschungen, sondern vielmehr ein Aufbruch ins Leben - mit allen seinen Risiken, Gefahren und Enttäuschungen.

Der Wanderer, der dann in Gustav Mahlers "Lieder eines fahrenden Gesellen" begegnet, erzählt von der Sehnsucht nach den Schönheiten der Natur und vom Schmerz enttäuschter Liebe ("Ich hab" ein glühend Messer, ein Messer in meiner Brust").

Von Liebeshoffnungen und Liebesleid künden auch die Lieder und Gesänge op. 32 von Johannes Brahms nach Texten von August von Platen und Friedrich Daume. Doch dort, wo Hoffnung und Leid bei Mahler in grellen Kontrasten aufeinander prallen, wählt Brahms bevorzugt weiche, sanfte Töne.

Lebendiger Dialog

Antonio Grimaldi ist als Klavierbegleiter ein Pianist, wie ihn sich wahrscheinlich viele Sänger wünschen. Selbst bei vollständig geöffnetem Klavierdeckel musiziert Grimaldi jederzeit dynamisch so kontrolliert, dass er die Stimme nie zum Forcieren drängt. Reaktionsschnell nimmt er die vokalen Impulse auf und setzt zugleich präzis formulierte gestalterische Akzente, die notwendig sind, damit aus dem Zusammenwirkung von Stimme und Instrument wirklich ein spannender, lebendiger Dialog wird. Martin Trepl wiederum nutzt die Freiheiten, die Antonio Grimaldi mit seinem sensiblen, klangfarblich feinsinnig aufgefächerten Spiel ermöglicht, zu nuancenreichem Gestaltung.

Trepls lyrisch gefärbter Bariton ist bestens geeignet für den Liedgesang. Das hatte er im Frühjahr 2010 bereits mit einem höchst anspruchsvollen Liederabend ebenfalls in der Reithalle bewiesen. Seine Stimme ist in allen Lagen und allen dynamischen Schattierungen stets sicher geführt, ist auch im Piano oder Pianissimo noch tragfähig und im Forte nie forciert.

Begeisterter Beifall

Vor allem aber stellt Trepl seine gesanglichen Möglichkeiten stets in den Dienst einer sorgsam textbezogenen Deutung. Mit vorbildlicher Deutlichkeit artikuliert er die Verse - jede Silbe, jedes Wort ist mühelos verständlich, ohne dass darunter freilich der musikalische Fluss leiden würde.

Am Ende eines eindringlichen Liederabends gibt es begeistert ausdauernden Beifall für beide Künstler und schließlich noch zwei Zugaben - eines der drei Shakespeare-Sonette von Roger Quilter und ein weiteres Lied von Ralph Vaughan Williams: "Silent Noon".



Die beiden Interpreten in der Reithalle


Martin Trepl, geboren in Berlin, studierte Gesang bei Mechthild Kerz an der Hochschule für Musik und Theater Hannover. Seit 1998 ist er im Chor des Landestheaters Coburg engagiert, wobei er dort auch regelmäßig solistische Partien übernimmt. Sein Hauptaugenmerk gilt der Kirchenmusik und vor allem dem Liedgesang. In den letzten Jahren erarbeitete er mit verschiedenen Begleitern mehrere Liederabende, die im fränkischen Raum zur Aufführung gelangten. Bereits im April 2010 gestaltete Trepl einen Liederabend in der Reithalle.

Antonio Grimaldi ist im Zürcher Oberland aufgewachsen und hat seine ersten Klavierstunden im Alter von sieben Jahren an der Musikschule Zürcher Oberland erhalten. Nach der Handelsschule KVZ Zürich studierte er am Konservatorium Zürich und schloss mit dem Lehrdiplom SMPV ab. Weiterstudium am Konservatorium Bern bei Michael Studer, wo er das Solistendiplom "mit Auszeichnung" absolvierte. Danach weitere Studien bei Christoph Lieske (Mozarteum Salzburg und Konservatorium und Musikhochschule Winterthur).
Neben seiner Lehrtätigkeit an der Musikschule Zürcher Oberland tritt Antonio Grimaldi regelmässig als Solist, Kammermusiker mit verschiedenen Ensembles und Solisten sowie als Liedbegleiter im In- und Ausland auf.