Nur gut, dass Ella Iffland trotz ihrer 94 Jahre noch immer unglaublich fit ist. Sonst hätte man vor lauter Aufregung schon ein bisschen Angst um die Gesundheit der rüstigen Dame haben müssen. Schließlich klingelte just an ihrem Geburtstag plötzlich eine ehemalige Bundesministerin an ihrer Haustüre. Es war Renate Schmidt, die - nicht zum ersten Mal - auf Spuren ihrer Vergangenheit im Coburger Land war. Und da kam ihr Ella Iffland gerade recht.

Mit beiden Händen ins Sauerkraut fassen

Ella Iffland kannte nämlich noch den Mann, wegen dem Renate Schmidt nach Obersiemau gekommen war: Hermann Hagedorn. Der war nicht nur ein erfolgreicher Unternehmer mit Sauerkraut und Salzgurken, sondern auch der Vater von Schmidts Patentante. Die ehemalige Bundesfamilienministerin, die ihre ersten 13 Lebensjahre in Coburg verbrachte, erinnerte sich noch gut an die Besuche in Obersiemau: "Mit beiden Händen ins Sauerkraut fassen und naschen - das war immer ein großes Erlebnis."

Wobei die junge Renate damals, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, gewaltigen Respekt vor Hermann Hagedorn hatte: "Er war für mich ein großer, uralter Mann." Und ein durchaus strenger Familienpatriarch, wie Ella Iffland ergänzte. Und eines wusste die 94-Jährige auch noch ganz genau: "Großzügig war er nicht gerade, der Herr Hagedorn." Aber als gute Nachbarin, da half Ella Iffland dennoch schon mal bei der Arbeit im Nachbarsbetrieb aus, wenn nicht genug Leute da waren.

Besuch im "blauen Salon"

Und dann kam am Dienstag auch noch Alfons Havenith um die Ecke. Der hat vor vielen Jahren das ehemalige Hagedorn-Haus aus einer Konkursmasse gekauft und gewährte Renate Schmidt einen Einblick in das Innenleben des von ihm liebevoll renovierten Gebäudes. Viele Punkte, die ihr in Erinnerung blieben, entdeckte Schmidt nicht mehr. Aber bei der hölzernen Ausstattung des "blauen Salons", da stutzte die 69-Jährige dann doch. "Die Holzschnitzereien, die sagen mir was." Und Bürgermeister Michael Boßecker (SPD) hatte auch noch eine Information: "Da hinten, in der Ecke, hat der alte Hagedorn immer gesessen." Das war es aber alles, was das Gemeindeoberhaupt zur Erhellung beitragen konnte. Denn auf die Frage, ob er sich denn noch an die alte Hagedorn-Fabrik erinnern könnte, rollte Boßecker nur mit den Augen und sagte: "Überhaupt nicht." Mit drei "Ü".

Wieder einmal ins Coburger Land kam Renate Schmidt auf Einladung der SPD-Landtagsabgeordneten Susann Biedefeld. Einen "ganz entspannten Tag rund um Coburg" erlebten die beiden Damen - ganz ohne Wahlkampfgetöse. Das war Renate Schmidt besonders wichtig, denn sie hat inzwischen alle Funktionen abgegeben. Deshalb will sie auch nicht den Eindruck vermitteln, als ob sie den Medien noch groß etwas zu sagen hätte. "Die Verantwortung", sagte die ehemalige Ministerin, "hat jetzt eine andere Generation". Was aber nicht heißt, dass die 69-Jährige keinen guten Namen mehr hat. "So zehn Anfragen pro Monat kommen immer noch", sagte die in Nürnberg lebende Schmidt. Doch viele dieser Anfragen erfüllt sie nicht mehr. Und wenn, dann nur in unmittelbarer Nähe.

Über den Görauer Anger (wo Renate Schmidt den griechischen Gastwirt aus Nürnberg kennt) ging es dann wieder zurück in die Heimat. Mit vier Kilo Coburger Kloßteig im Gepäck. Denn den mag sie immer noch sehr gerne, genau so wie die Coburger Bratwürste. Zwei Stück davon ließ sie sich auf dem Markt schmecken - "weil sie schon deutlich besser sind als die Nürnberger".