Geben Sie es zu, Sie haben eben wieder, gerade nach den wüchsigen Wochen dieses Sommers, weggeschmissen statt wegzuessen. Sie brauchen den Giersch nicht zu hassen, den Gundermann; die sogenannten Unkräuter haben geschmacklich und gesundheitstechnisch viel zu bieten. Nur Mut, probieren Sie mal so ein Blättchen! Sie vergiften sich nicht, im Gegenteil. Und Mensch, die Brennesseln, die reifen Samen hätten Sie herausschütteln, sammeln und für eine nussig schmeckende Fischfilet-Panade verwenden können. Nänänä, stattdessen landeten die kleinen Vitalstoffbomben auf Ihrem Kompost.
Der Wert des Löwenzahns ist ja einigermaßen ins Bewusstsein gedrungen, den kaufen manche im Frühjahr auf dem Markt, was wir hier, mitten im Grünen schwelgend, ja wirklich nicht nötig haben. Das gilt sehr wohl auch für Leute, die in der Stadt wohnen, für Coburg oder die anderen Klein- bis Mittelstädte Oberfrankens.
Doch was soll Ihnen diese Belehrung hier? Verführung ist viel besser. Sagte sich eine Coburgerin, die heute in Fürth lebt, und verfasste ein Kochbuch: Fränkisch Kochen mit wilden Kräutern. Marion Reinhardt ist Kräuterfrau und -pädagogin. Im Juni führte sie auch in Coburg durch Gras und Hügel, wozu die beeindruckte Gruppe gar nicht weit gehen musste. "Ich war sehr überrascht, was wir im Hofgarten alles gefunden haben, auf einem sonnigen Fleck sogar würzigen Feldthymian. Oder die Kleine Braunelle, die ein gutes Mittel gegen Herpes ist", erinnert sich Marion Rheinhardt. "Ich konnte gar nicht alles vorstellen, was Aufmerksamkeit verdient hätte."
Macht nichts, die Kräuterfrau kommt nächstes Jahr wieder. Vielleicht schreibt sie bis dahin auch ein weiteres Kräuterbuch. In zweien hat sie schon eindrucksvolle süddeutsche Kräutergärten vorgestellt. Jetzt also ein Kochbuch. Das aber gleichzeitig ein verführerisches Aufklärungsbuch ist. Mit 45 kurzen, aber prägnanten Kräuterporträts ermöglicht es die Autorin, kurzen Weges gleich in den eigenen Garten oder auf das nächste, nicht an einer Straße gelegene Fleckchen Grün zu rennen.


Besondere Aromen

"Die meisten unserer heimischen Wildkräuter sind essbar, haben mindestens eine Heilwirkung. Viele schmecken dazu richtig gut, haben ganz besondere Aromen", schwärmt Reinhardt. "Der Steinklee hat das Aroma von Tonkabohnen". Das ist süß und duftet nach Vanille und Waldmeister. Wobei der Steinklee hier kostenlos herumsteht und nicht solch hohe Cumarinwerte aufweist. "Gundermann geht in Richtung Minze, hat aber auch etwas Zickiges. Er schmeckt zu Pikantem. Die Blättchen aber beispielsweise in flüssige Schokolade getaucht oder in Eis, das ist auch etwas Besonderes."
Was Marion Reinhardt gar nicht verstehen kann, ist, wie man Kräuterbutter kaufen kann. "Die schmeckt doch mit frischen Kräutern ganz anders." Und hergestellt ist sie ja auch in Nullkommanichts aus dem, was um Haus und in Hof darauf wartet, gepflückt zu werden.
Wie kam Marion Reinhardt zu den 80 Rezepten, die der ars vivendi-Verlag aus Cadolzburg zum schönen Bildband gebunden hat? "Ich habe unsere klassischen fränkischen Rezepte genommen und mit Wildkräutern aufgepeppt. Bei meinen Experimenten kam ganz Erstaunliches heraus." Reinhardt wollte dabei auf keinen Fall Überkandideltes, alles sollte einfach und praktikabel bleiben.
Na, und so haben wir nun Baggers mit Brennessel-Lachs-Mousse, Brennessel-Quark-Klöße mit brauner Butter, Doststangen mit duftender Steinkleebutter, Krautsalat mit Wiesenkümmel, Zieberlaskäs mit Wiesenschaumkraut. Fleischig und fischig darf's aber auch sein: Fleischküchle "Gundermann", Bachsaibling im Wildkräuterbett, Kalter Braten mit Vogelbeer-Chutney, Rehrücken mit Hagebuttensauce, Schnitzel mit Kräuterkruste, Wildes Schweineschäufele...


Das ganze Jahr über

Großes Anliegen von Reinhardt ist es auch, zu zeigen, dass es das ganze Jahr über zu sammeln und zu ernten gibt, bis hin zu Wurzeln, die man sich frisch im Winter hereinholen kann. Deshalb steht am Ende ihres Kochbuches auch ein Erntekalender, aus dem man ablesen kann, in welchem Monat Blüten, Blätter, Früchte, Wurzeln unserer verbreitetsten Wildkräuter gesammelt werden können.
Kommen wir zu einer entscheidenden Frage: Darf die das? Wie kommt Marion Reinhardt zu dieser ihrer Berufung? Die Coburgerin legte ihr Abitur am Alexandrinum ab, studierte in Bamberg Kunstgeschichte, Volkskunde und Denkmalpflege. Sie arbeitete journalistisch, als PR-Frau bei Schwan-Stabilo in Nürnberg, als Redakteurin bei einem Verlag. 1996 brachte sie ihre Tochter zur Welt und widmete sich erst Mal ihrer Familie. Teilzeitmäßig zurück ging es dann nicht mehr - ein typischer Frauenlebensweg also. Irgendwann kam ihr ein Informationsblatt zur Ausbildung als Heil- und Wildkräuter-Expertin unter die Augen. "Das war's für mich. Ich war so fasziniert, dass ich nach dem ersten Kurs gleich weitergemacht habe." Sie ließ sich auch zur Kräuterpädagogin ausbilden. Seit 2011 bietet sie Kräuterwanderungen, Workshops, Kurse, den "Kräuterführerschein" an, schreibt Bücher. Ihr Jahresprogramm ist im Internet nachzulesen.

Wildkräuter für die Fränkische Küche Marion Reinhardt, wuchs in Coburg auf und studierte Kunstgeschichte, Volkskunde und Denkmalpflege. Sie arbeitete lange im journalistischen und im PR-Bereich, bis sie nach der Familienzeit ihre Leidenschaft für Wildkräuter zum Beruf machte. Die ausgebildete Kräuterpädagogin gibt Kurse und Workshops und führt Kräuterwanderungen.
Das Buch Marion Reinhardt: Fränkisch kochen mit wilden Kräutern. 80 saisonale Rezepte und 25 Wildkräuter-Kurzporträts. Ars Vivendi-Verlag Cadolzburg, 216 Seiten, 25 Euro. Erhältlich auch inder Tageblatt-Geschäftsstelle.

Das Kräuterprogramm von Marion Reinhardt, Termine und Veranstaltungsorte, ist im Internet unter www.wilde-moehre-kräuter-erlebnisse.de zu finden.