Störche sind im Coburger Land nicht nur so stark vertreten wie noch nie - Vogelkundler sprechen von einem Allzeithoch - sie finden auch enorme Beachtung bei der Bevölkerung. So ist es nicht verwunderlich, dass aufmerksame Naturfreunde zuhauf beim Landesbund für Vogelschutz oder der Zeitung nachfragen, ob denn alles in Ordnung sein kann, wenn zurzeit noch Störche in den Wiesen links und rechts der Itz anzutreffen sind.
Doch der LBV beruhigt. "Wer jetzt noch Störche sichtet, muss nicht beunruhigt sein. Die seit einigen Jahren milden Winter in unserer Region verführen die Störche, hierzubleiben und nicht den langen Flug in den Süden anzutreten", sagt LBV-Storchenexperte Hans Schönecker.


Tendenz steigend

"Im vergangenen Winter haben in Bayern 250 Weißstörche überwintert", sagt er. In der Region Coburg werden es immer mehr. Im Winter 2014/15 ist nur der männliche Storch aus Meschenbach hiergeblieben. Im Winter 2016/17 hat das Schernecker Storchenpaar hier überwintert. Und in diesem Jahr sind es gleich drei Storchenpaare, die sich nicht auf den langen Flug in den Süden machen: Außer dem Storchenpaar in Bad Rodach sieht man derzeit auch noch die zwei Storchenpaare aus Scherneck und Meschenbach. Sollte der Klimawandel zu immer weiter steigenden Temperaturen und damit milden Wintern im Coburger Land führen, könnte die Zahl der Tiere, die hier überwintern, noch weiter steigen.


Keine Fütterung

Da es sich bei den Weißstörchen um Wildvögel handelt, finde keine Zufütterung statt, erklärt Hans Schönecker. Der Zug der Weißstörche in das Überwinterungsgebiet sei ein natürliches, erwünschtes Verhalten, das sie beibehalten sollen. Außerdem: "Die Weißstörche regeln ihre Überwinterungsversuche ohne menschliche Hilfe." Durch das schützende Gefieder seien sie nicht so kälteempfindlich. Sie plusterten sich auf und hätten ein Wärmepolster um sich. Auf den niederschlagsgesättigten Wiesen und in den Gräben fänden sie viele Kleintiere, womit sie sich ausreichend ernähren können. Wenn der Winter vorübergehend für einen Nahrungsengpass sorgt, sei es durch Schnee oder Frost, zwingt das die Störche auch nicht gleich zur Abreise. Sie könnten, bei Reduzierung des Energieaufwandes, bis zu 14 Tage ohne Nahrung auskommen.


Ausweichen geht immer

Bei länger als einer Woche geschlossener Schneedecke oder starkem Wintereinbruch zögen die Weißstörche in mildere Regionen, zum Beispiel ins Maintal oder gar bis in den Elsass ab. "Mir ist nicht bekannt, dass im vergangenen Winter ein überwinternder Storch verstorben wäre", sagt der LBV-Storchenexperte.
Die Vorteile der Überwinterung aus der Sicht der Störche liegen auf der Hand. Sie müssen keine unsichere, weite Reise ins Überwinterungsgebiet auf sich nehmen. Dadurch ist die Sterblichkeit in der Gesamtpopulation geringer. Weil sie ja gar nicht weg waren, sind sie zum Brutbeginn als Erste auf ihrem Horst und können diesen erfolgreicher gegen Rückkehrer verteidigen, als wenn sie ihn zurückerobern müssten.
Je nach Witterung erfolgt ein früherer Brutbeginn mit besseren Chancen, die Jungstörche erfolgreich großzuziehen, damit sie im August die weite Reise ins Überwinterungsquartier antreten können, falls nötig.
Und noch etwas stellen die Fachleute vom LBV bei der Beobachtung der Störche fest: Die Überwinterer und die in Spanien überwinternden Störche führen zu einem schnelleren Anstieg der westziehenden Weißstorchpopulation in Bayern.


Schauen wo Störche ziehen

Wer mehr über die Störche wissen will, die doch noch in den Süden fliegen, der findet Hilfe im Internet. Der LBV hat Jungstörche mit Satellitensendern ausgestattet, um die Risiken auf dem Zugweg und im Winterquartier zu erforschen. Die Daten helfen, weitere Gefahrenquellen wie etwa ungesicherte Stromleitungen in Spanien bekannt zu machen und zu entschärfen. Die Routen und Aufenthaltsorte der Zugvögel können live in Internet verfolgt werden unter www.lbv.de/senderstoerche.
Dass Störche überwintern, ist ein Trend, der schon seit Jahren beobachtet wird. Bereits 2015 zitiert der NABU die LBV-Expertin Oda Wieding mit einer entsprechenden Feststellung: "Neben schon länger bekannten Überwinterern im Altmühltal oder im Mindeltal sind uns dieses Jahr noch mehr neue Winterstörche gemeldet worden", stellte sie damals fest. Überwinterer wurden schon damals aus praktisch allen bayerischen Regierungsbezirken gemeldet. Inzwischen ist ihre Zahl stark angestiegen. Eine Verhaltensänderung, die Vogelkundler nicht nur mit Begeisterung aufnehmen, ändert sich hier doch ein natürliches Verhalten.