Was macht ein Regisseur, wenn mitten in der Probenzeit plötzlich die Premiere auf unbestimmte Zeit verschoben werden muss? Im Gespräch verrät François De Carpentries, wie er die Auswirkungen des Wasserschadens am Landesthe ater erlebt hat. Mit gut einem Monat Verspätung kommt Franz Lehárs "Die lustige Witwe" am Mittwoch, 8. Januar endlich auf die Bühne.

Wochenlang zwischen Hoffen und Bangen: findet die Premiere zum geplanten Termin statt, wird sie verschoben? Hatten Sie schon einmal Ähnliches erlebt?
François De Carpentries: Ich habe am Theater schon viele Situation erlebt, aber so etwas wirklich noch nicht.

Wie wirkt sich das auf den Probenprozess aus?
Wir arbeiten weiter, sind gut vorbereitet. Natürlich bringt die Unsicherheit eine Irritation. Aber alle sind Profis, so dass das keine Auswirkung auf die Proben hat. Mit der "Lustigen Witwe" hat das Ensemble viel Spaß - trotz der Situation hinter den Kulissen. Schließlich wollen wir eine tolle Vorstellung schaffen. Sich auf die Proben zu konzentrieren, hilft gerade in dieser Situation, den Kopf frei zu machen von allen anderen Problemen.

Haben Sie schon einmal "Die lustige Witwe" oder ein anders Werk von Lehár inszeniert?
Nein, "Die lustige Witwe" habe ich noch nie inszeniert. Ich habe die "Fledermaus" gemacht, einige Offenbach-Operetten, aber mit Lehár hatte ich als Regisseur noch nie zu tun.

Was zeichnet diese Operette besonders aus?
Ich finde, "Die Lustige Witwe" ist ein sehr kluges Stück, ein Meisterwerk wie "Die Fledermaus", mit einer sehr klugen Geschichte, einer sehr heutigen Geschichte. Jeder Charakter in dieser Geschichte entwickelt sich, jeder Charakter hat viele Facetten. Das habe ich auch in meiner Inszenierung beachtet. Das ist eine Satire, aber kein Comic-Strip. Bei mir gibt es keine zweidimensionale Figur. Jeder Charakter hat eine Chance, sich zu entwickeln. Von Anfang an ist die Geschichte instabil. Man weiß nie, wohin es fließt.

Worin besteht die besondere Qualität dieser Operette?
Das ist diese Mischung aus süß und sauer, Komödie und Drama - wie bei Mozart. Das Stück ist spannend, es gibt viele Facetten. Die Geschichte der "Lustigen Witwe" ist eine sehr menschliche Geschichte mit sehr vielen Schichten.

Was ist aus Ihrer Sicht das zentrale Thema?
Das Geld, der Kapitalismus. Deswegen ist es auch ein sehr heutiges Thema. Kapitalismus bedeutet, dass alle menschlichen Aspekte zur Ware werden. Liebe kann auch Ware sein. Das ist im Grunde ein sehr altes Thema. Wenn man alle menschlichen Werte als Ware sieht: Wo ist dann das Vertrauen, wo ist die Wahrheit? Hanna Glawari und Danilo waren einst sehr verliebt - er war sehr reich, sie arm und konnten nicht zueinander kommen. Jetzt ist die Geschichte gekippt. Sie ist eine reiche Witwe geworden und er ist pleite. Er ist immer noch ein Adeliger, aber er hat kein Geld mehr. Alles dreht sich um das Geld. Aber Hanna Glawari will Danilo wieder finden. Kann man jemandem vertrauen, wenn im Hintergrund Geld steht? Darum geht es. Geld zerstört die menschlichen Beziehungen. Die Beziehung zwischen Hanna und Danilo wird auch zu einem Machtspiel. Am Ende kommen sie durch eine Art Schocktherapie wieder zusammen - schließlich ist diese Operette eine Komödie.

Wo siedeln Sie Ihre Coburger Inszenierung der "Lustigen Witwe" zeitlich an?
Ich bin grundsätzlich kein Fan von Aktualisierungen. Wenn man die heutige Situation zu direkt auf der Bühne spiegelt, hat man keinen Abstand mehr, um die Dinge auch mit dem Kopf zu erkennen. Ein zeitlicher Abstand erlaubt auch eine gewisse Ironie. "Die Lustige Witwe" spielt bei uns in den 1920er Jahren. In dieser Zeit spielte der ganze Westen das Spiel des Kapitalismus. Auch damals haben die Menschen auf Kredit gelebt. Ich habe in der Vorbereitung auf diese Inszenierung einen Text eines Bankiers gelesen, der so klingt, als wäre er heute geschrieben. Er stammte aber aus dem Jahr 1925.

Was ist Ihr Lieblingsstück in der "Lustigen Witwe"?
(lacht, denkt kurz nach) "Lippen schweigen" - das ist das Leitmotiv, das immer wiederkehrt. Nur am Ende wird es gesungen. Es hat so eine Melancholie - die Musik und der Text, der nur von Vergangenheit spricht.

Wie würden Sie aus Ihrer Sicht die Aufgabe eines Regisseurs beschreiben?
Ich baue Brücken zwischen einem Stück und dem Publikum.



Das Coburger Team für "Die lustige Witwe"

Premieren-Tipp Franz Lehár "Die lustige Witwe" - Mittwoch, 8. Januar, 19.30 Uhr. - 11. Januar, 19.30 Uhr, Landestheater Coburg, Großes Haus

François de Carpentries Als Sohn einer Journalistin und eines Kaufmanns geboren, zog es ihn früh zur Bühne. In Brüssel ließ er sich zum Pianisten ausbilden, entschied dann aber, "eine Weile ohne Klassik" leben zu wollen. So wurde er Schauspieler und begann parallel dazu, erste eigene Theaterstücke zu schreiben. Dann lockten Regieassistenzen am Brüsseler Opernhaus. Regisseure wie Bob Wilson, Peter Stein oder Willi Decker versicherten sich seiner Mitarbeit. Der Brüsseler Oper blieb er auch nach seinen Assistenzjahren treu. Zudem führte er schon an vielen wichtigen Opernhäusern auf der ganzen Welt Regie. In Coburg stellte er sich bereits mit zwei Inszenierungen vor: "Eine Nacht in Venedig" (November 2010) und "Madame Pompadour" (Mai 2012).

Darum geht es Graf Danilo, der seine Jugendliebe Hanna aus Standesgründen nicht heiraten darf, trifft die Angebetete als jung verwitwete Millionärin wieder. Umschwärmt von Männern, die ihre Kontoauszüge kennen, traut sich Danilo nicht, seine Liebe zu gestehen. Aber wie Frauen so sind: Sie riechen den Braten und greifen zum Trick. In diesem Fall gibt Hanna vor, ihr Geld über Nacht verloren zu haben. Von den vielen Liebhabern bleibt nur Danilo standhaft, so dass dem Happy End nichts mehr im Wege steht: Auch wenn Lippen schweigen...

Mitwirkende Musikalische Leitung: Roland Fister
Inszenierung: François De Carpentries
Bühnenbild: Andreas Becker
Kostüme: Karine van Hercke
Choreographie: Sébastian Riou
Choreinstudierung: Lorenzo Da Rio
Dramaturgie: Renate Liedtke

Baron Mirko Zeta: Michael Lion
Valencienne: Anna Gütter / Julia Klein
Graf Danilo Danilowitsch: Falko Hönisch / Karsten Münster
Hanna Glawari: Sofia Kallio / Gabriela Künzler
Camille de Rossilon: Joel Annmo / David Zimmer
Vicomte Cascada: Benjamin Werth
Raoul de St. Brioche: Karsten Münster / David Zimmer
Bogdanowitsch: Sascha Mai
Sylviane: Gabriele Bauer-Rosenthal; Kromow: Martin Trepl
Olga: Joanna Stark
Pritschitsch: Sergiy Zinchenko
Praškowia: Patricia Lerner
Njegus: Stephan Ignaz

Chor des Landestheaters, Ballett Coburg, Philharmonisches Orchester