Welchen Namen er als Frau getragen hat, möchte Marco Egger nicht sagen. Zu viele Erinnerungen verknüpft er damit. Zu viel Negatives hat der 41-Jährige in den ewig wirkenden Jahren erlebt, als er noch nicht er selbst war. Zu lange quälte er sich mit einem Spiegelbild herum, das nicht seinem wahrem Ich entsprach. Erst ein psychischer Zusammenbruch war nötig, um zu handeln. Seit zwei Jahren nun kann er endlich so befreit leben, wie er sich schon immer gefühlt hat: als Mann. Bis dahin musste er aber einen langen Weg beschreiten.

Der gelernte Koch aus Neustadt bei Coburg ist ein Trans-Mann. Das heißt, er ist körperlich als Frau auf die Welt gekommen. Schon als junger Mensch wusste er, dass etwas nicht stimmt. In seinem Heimatdorf als "die Lesbe" abgetan, lernte er aber, sich in die falsche Rolle zu fügen. Bis er 35 Jahre alt war.


Brust-OP befreit ihn am meisten

"Der größte Moment war für mich, nach der Brust-OP aufzuwachen und zu wissen, dass ich es geschafft habe", erzählt Egger. Endlich nicht mehr seine ungewollten Brüste verstecken zu müssen, befreit ihn am meisten. Alle weiteren geschlechtsangleichenden Operationen - und davon sollten einige folgen - empfindet er als Zugabe. Heute gibt es nur noch eins, das äußerlich an diese Zeit erinnert: Eine Narbe markiert die Stelle auf dem linken Arm, wo Gewebe und Adern für den Geschlechts-Aufbau entnommen wurden.

Marco ist kein Einzelfall. Wie viele Transsexuelle es in Deutschland gibt, lässt sich zwar nicht bestimmt sagen. Laut einer Schätzung der Bundesvereinigung Trans (BVT) sind es aber etwa 300 000 Menschen. Oft müssen die Betroffenen viele Hürden meistern, um ihre wahre Identität leben zu können. Gute Nachrichten gab es im Mai aus Genf: Die Weltgesundheitsorganisation gab bekannt, dass Transsexualität nicht länger als psychische Krankheit eingestuft werden solle. Die neue Leitlinie soll ab 2022 gelten. Für Josch Hönes vom BVT ist das ein großer Schritt: "Jetzt müssen die Änderungen aber auch umgesetzt werden."

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Diese rechtliche Neuordnung würde Transmenschen nicht nur emotionale Erleichterung verschaffen, weil sie nicht mehr als krank gelten würden. Auch der Weg hin zu ihrem gefühlten Geschlecht wäre leichter. Wer über eine Geschlechtsangleichung nachdenkt, muss im Moment einige Jahre einplanen. Eine Erfahrung, die auch Marco Egger gemacht hat. "Wer seine Geschlechtsangleichung wirklich durchziehen will, muss sehr hartnäckig sein."


Geduld kann er sich nicht leisten

Geduld aber kann sich eine Gruppe von Menschen, die sich nicht nur selbst nicht richtig akzeptiert, sondern auch in der Gesellschaft Diskriminierung erfährt, nur schwerlich leisten. Marco wollte endlich wieder in den Spiegel schauen, sich im Schwimmbad ausziehen oder sich von seiner Freundin berühren lassen können. Halbe Sachen kamen für ihn nicht in Frage. Und das so schnell wie möglich.


Viele Behördengänge vonnöten

So rasch geht es aber nicht. Bevor eine Behandlung beginnen kann, müssen Betroffene einen sogenannten Alltagstest absolvieren. Das heißt, sie müssen ein Jahr lang in ihrem gefühlten Geschlecht leben, immer in Rücksprache mit ihrem Arzt. Manche Mediziner beginnen bereits in dieser Phase mit Hormonbehandlungen und mitunter können die Probanden bei den zuständigen Amtsgerichten bereits dann die Änderung ihres Personenstandes beantragen - also sowohl Geschlecht als auch Vorname angleichen. Hierfür werden zwei Gutachten benötigt, was die Betroffenen oft vor Probleme stellt. Der Grund liegt darin, dass die speziell geschulten Gutachter rar sind und dementsprechend lange Wartelisten haben.

Krankenkassen sind gesetzlich verpflichtet, Behandlungskosten bei diagnostizierter Transsexualität zu übernehmen. Das führt aber immer wieder zu Problemen. Marco Berger vom Verein Queer in Franken: "Es kommt zu oft darauf an, bei welcher Krankenkasse man ist und an welchen Sachbearbeiter man gerät." Oft geben die Kassen den Fall an ihren Medizinischen Dienst (MDK) ab, die den Fall dann genau prüfen. Das dauert in der Regel und setzt Betroffene zusätzlich unter Druck.

Marco Egger hatte Glück. Nicht nur, dass die Kosten für seine Behandlung übernommen worden sind. "Ich hatte keine Komplikationen", freut er sich. Das ist nicht selbstverständlich, schließlich ist er mit jedem Eingriff ein Risiko eingegangen. Wenn er heute aber mit seiner Freundin Ines auf dem Balkon sitzt, die ihn in all den Jahren begleitet hat, und über seine Geschichte nachdenkt, bereut er nichts. "Höchstens, dass ich es nicht schon viel früher gemacht habe", sagt er. Deshalb möchte er auch nichts mehr mit seinem alten Namen zu tun haben. "Ich habe es geschafft. Das Thema ist für mich beendet."


Kommentar vom Autor zum Thema


Leben und leben lassen. Es mögen wahltaktische Überlegungen dahinter gesteckt haben, als die Bundesregierung im vorigen Herbst die Ehe für alle durchs Kabinett winkte. Ein wichtiger Schritt in Richtung Gleichberechtigung war dieser (längst überfällige) Schritt allemal. Selber Herbst: Das Bundesverfassungsgericht (BVG) urteilte, dass Mann und Frau als Angabe im Personenstand nicht mehr ausreichen. Eine Revolution bahnte sich an.

Bisher rausgekommen ist allenfalls ein Gesetzentwurf des Horst Seehofer'schen (CSU) geführten Innenministeriums. Der sieht vor, ein drittes Geschlecht zukünftig als "weiteres" aufzuführen. Statt einen weiteren großen Schritt in Richtung Gleichberechtigung zu gehen, bleibt das Ministerium mit diesen Überlegungen weit hinter den großen Erwartungen zurück. Außerdem lehnen Opposition und ein Großteil der Verbände mit Bezug zu geschlechtlicher Orientierung diesen Entwurf ab, weil sie die Einordnung "weiteres" als diskriminierend empfinden.

Viel Zeit bleibt Seehofers Leuten nicht mehr, inhaltlich nachzubessern. Laut Bundesverfassungsgericht hat der Gesetzgeber bis zum 31. Dezember Zeit, eine Neuregelung zu schaffen. Das heißt, die Referenten des Innenministeriums müssen unter Zeitdruck Ergebnisse liefern. Dies darf nicht dazu führen, mittels Schnellschuss ein Gesetz durchzupeitschen, das sich beim Trocknen der Tinte bereits überholt hat.

Denn der Gesetzentwurf klammert eine Reformierung des seit Jahrzehnten veralteten Transsexuellengesetzes aus. Demzufolge müssen sogenannte Transmenschen immer vor ein Gericht ziehen, um ihren Personenstand und ihren Namen ändern zu können. Wird der Entwurf zum Gesetz, verpasst die Regierung ihre große Chance, den vom BVG gestellten Weichen zu folgen. Damit bremst Horst Seehofer die Selbstbestimmung der Betroffenen weiterhin aktiv aus.